Ich hätte das Land gern flach

Ausgezeichnet mit dem Preis der Internationalen Bodenseekonferenz

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«Ich bemerke immer wieder mit Staunen, wie gut revolutionäres Denken in diesem unbeweglichen Land gedeiht. Umsturzpläne verlangen nach Windstille. Betrachtet man das Gebirge lange genug, sehnt man sich nach einer Lawine.»

Mitten in Bern, im besten Restaurant der Stadt, wird ein Schweizer Bundesrat erschossen. Der Täter verläßt das Lokal in aller Ruhe, drückt einem Passanten die Waffe in die Hand und verschwindet in der Menschenmenge. Als er wenige Tage später verhaftet wird, stellt sich heraus, daß es sich um den braven, bislang unbescholtenen Beamten Wilhelm Gess handelt. Nach den Motiven seiner Tat befragt, schweigt er hartnäckig und richtet sich gelassen im Gefängnis ein. Um den Gründen für das Attentat auf die Spur zu kommen, macht sich ein Journalist daran, das Leben und die Tat des Wilhelm Gess zu rekonstruieren. Er spricht mit den Tatzeugen und mit der Familie des Attentäters und arrangiert diese Aussagen schließlich zu einem ebenso originellen wie spannenden Buch: Es zeichnet das Leben eines durchschnittlichen Menschen nach, genauer: das Leben eines Mannes, der sich freiwillig fügt – um dann plötzlich und gewalttätig aus allen Bindungen auszubrechen. Kellers Buch erweist sich so als eine fesselnde literarische Untersuchung über die Motive der motivlosen Gewalt in unserer Zeit.

I’d Like My County Flat

Winner of the Prize of the International Lake Constance Conference

“Again and again I’m amazed at how well revolutionary thinking thrives in this immobile country. Plans for upheaval require calm weather. If you stare long enough at the mountains, you start longing for an avalanche.”

In the heart of Bern, in the city’s finest restaurant, a Swiss Federal Councillor is shot. The killer calmly hands the weapon to a passerby and disappears into the crowd. When he is arrested a few days later, the man turns out to be Wilhelm Gess, a civil servant of spotless record and modest disposition. Questioned about his motives, Gess remains silent and settles into his prison cell with quiet composure.

A journalist begins to investigate, attempting to reconstruct the life and deed of Wilhelm Gess. Through conversations with eyewitnesses and Gess’s family, a fragmented, multi-voiced portrait emerges—of a man who lived a life of voluntary submission until, without warning, he violently tore himself from the web of norms and expectations.

Keller’s novel is not just a political thriller but a literary inquiry into the roots of seemingly motiveless violence. It probes the psychology of the “ordinary” man and the ways in which conformity, repression, and buried rage can erupt with brutal consequence.

… Christoph Keller ist mit seinem Roman ein grosser literarischer Wurf gelungen.

— Schwäbische Zeitung

 

Keller Schweizer Familiensaga ist eine spannende, erzählerisch gekonnt entwickelte Spurensuche, die mit diskreter Ironie in die Abgründe der achtbaren Bürgerlichkeit führt.

— Rheinischer Merkur

 

Haben wir es also mit einem gänzlich unpolitischen Buch zu tun, in dem selbst ein umgebrachter Magistrat außer seiner privaten Existenz nie etwas verkörperte? Nichts wäre verfehlter. Auch Politik, die sich verflüchtigt, ist noch immer als politisches Vakuum wirksam, das zur Invasion verlockt. Sogar der mit dem Zufall hantierende Mörder Wilhelm Gess muss das Dunkel gespürt haben. Um seiner selbst willen wollte er zumindest einmal der absoluten Belanglosigkeit entrinnen. Ein Zeitphänomen?

— Oskar Reck, Basler Zeitung

 

… ein exemplarisches Portrait einer Schweizer Familie, mit dem er sich als hervorragender Chronist ist der letzten Jahrzehnte erweist.

— Luzern heute

 

Dass dieses filigran gewirkte Netz sich nach und nach zu einem komplexen Beziehungsgeflecht fügt, in dem jede Figur ihr spezifisches Gewicht er hält, spricht für das dramaturgische Raffinement, mit dem Christoph Keller hier über seine erzählerischen Mittel verfügt.

— Neue Zürcher Zeitung

 

Christoph Keller ist mit seinem neuen Roman ein grosser literarischer Wurf gelungen.

— Berliner Zeitung

“Christoph Keller has achieved something remarkable with this novel.”
— Schwäbische Zeitung

 

“Keller’s Swiss family saga is an engrossing, expertly narrated investigation that leads, with discreet irony, into the abysses of respectable bourgeois life.”
— Rheinischer Merkur

 

“Is this an entirely apolitical book, in which even a murdered government official never represented anything beyond his private self? Nothing could be more mistaken. Even politics that have evaporated still function as a vacuum that invites invasion. Even the chance-driven murderer Wilhelm Gess must have sensed the darkness. He wanted, at least once, to escape utter insignificance. A phenomenon of our time?”
— Oskar Reck, Basler Zeitung

 

“An exemplary portrait of a Swiss family, with which Keller proves himself a superb chronicler of recent decades.”
— Luzern heute

 

“The intricately woven web gradually unfolds into a complex constellation in which each character bears distinct weight. A testament to the narrative finesse with which Christoph Keller commands his craft.”
— Neue Zürcher Zeitung

 

“A major literary achievement.”
— Berliner Zeitung

Hier, am Herd, hörte ich den Schuss. Dann nahm ich die Stille wahr. Sie übertrug sich auf die ganze Küche. Keine Panik, Stille. Sie sog alles auf. Niemand war in der Lage, sich zu rühren. Vorsichtig, um kein Geräusch zu verursachen, schlich ich durch die Küche und drückte die Flügel der Schwingtür auf. So stand ich, die Arme ausgestreckt, comme Christ crucifié, im Türrahmen.

In seiner Bewegungslosigkeit gemahnte der vollbesetzte Saal an das Monumentalbild eines Géericault oder David. Ich stehe vor einem Gemälde historischen Ausmaßes. Rückzug von Marignano. Betrachtet man ein Gemälde dieser Wahrhaftigkeit lange genug, gewinnt es das Leben zurück, aus dem es einst entstanden ist, comprenez? In meinem Lokal ereignete sich just das Konträre. Das Leben erstarrte zu einem Tableau. Der Pistolenschuss war der fotografische Blitz, der die gespenstische Szenerie für einige Sekunden einfror und festhielt. Vor meinen Augen erstand das Tableau, das noch auf seinen Hodler wartet, es auf die Leinwand zu bannen.

Erst das leise, plötzlich aufbrausende Husten von Pfarrer Obrecht erweckte das Tableau zu neuem Leben. Er hustete. Ihm war, wie sich herausstellte, eine Fischgräte im Hals stecken geblieben. Wäre nicht Frau Doktor Ruchonnet gewesen, wir hätten an diesem schwarzen Mittwoch einen zweiten Todesfall zu beklagen gehabt. Sobald es Pfarrer Obrecht möglich war, eilte eher zu Dr. Lüthis Tisch. Als er gewahr wurde, dass der HERR den Bundesrat bereits in seine Obhut genommen hatte, sprach er einige Worte des Trostes, die damit endeten, dass alles seinen Sinn habe, auch der plötzliche Tod des Hans Lüthi. La porte-parole du Bon Dieu schloss mit dem Psalmwort „Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, ER wird‘s wohl richten“. Pfarrer Obrecht rettete, ohne es zu wollen, die Situation. Er hustete, pour ainsi dire, leben in das Tableau zurück. C’était le souffle de Dieu.

Darauf brach der Tumult aus Punkt.

Leider bleibt mir an dieser Stelle eine andere Peinlichkeit zu vermelden, deren Ursache ohne Zweifel auch in der allgemeinen Verwirrung zu finden ist. Die Menschen reagieren imprévisible en état de choque. Hinter mir öffnete sich die Schwingtür, unser jüngster Kellner, Guillaume, verließ die Küche, schubste mich zur Seite, eilte, den Blick gesenkt, denselben weg, den eben der Mörder zurückgelegt hatte, durchs Lokal zur Menge Schaulustiger, durch die er sich, mehrmals „Attention!“ rufend, drängte und in offensichtlicher Fehleinschätzung der Situation den Apfelstrudel mit einem lauten „Bon appetit!“ dem bereits toten Bundesrat servierte.

 

 

Nomaden

 

Zeit für mich,
das Gebirge abzukarren.
Ich hätte das Land gern flach.

 

Ich dachte:
Plattdeutsche Sätze,
Nomaden,
die an ihren teppichfreien

Tagen kommen, um mich
herumgehen und flüstern
Aus dem Koran, plattdeutsch.

 

Wer kommt hat sich
in meine Irrtümer verlaufen,
geht ohne Anruf davon.

 

Günter Eich

English translation by Peter Constantine

It was here in front of the oven that I heard the shot. Then I heard the silence. It spread throughout the entire kitchen. No panic. Silence. It sucked everything up. No one was able to move. Carefully, so as not to make a sound, I crept through the kitchen and pushed open one of the wings of the swinging door. There I stood, my arms stretched out, comme Christ crucifé, in the door frame.

In its immobility, the full dining room looked like a huge canvas of Géericault or David. I am standing before a canvas of historical proportions. Retreat from Marignano. If you gaze at a canvas of such realism long enough, it regains the life from which it sprung, comprenez? In my establishment the exact opposite happened. Life concealed into a tableau. The gunshot was the photo flash that froze the ghostly scene for a few seconds and held it fast. Before my eyes sprung the tableau still waiting for its Hodler to capture it on canvas.

Only the low cough of Monsignor Obrecht, suddenly flaring up, brought the tableau to life again. He was choking. It turned out a fish bone had gotten stuck in his throat. If Dr. Ruchonnet hadn’t been there, we would have had the second death to mourn on that black Wednesday. The moment Monsignor Obrecht regained his composure, he rushed over to Dr. Luethi’s table. When he ascertained that the Lord had already taken the federal councillor unto him, he spoke a few words of consolation, ending with the message that everything had its reason, even the sudden death of Hans Luethi. La porte-parole du Bon Dieu closed with the biblical words, “The Lord giveth and the Lord taketh away.” Without knowing it, Monsignor Obrecht saved the situation. He coughed, pour ainsi dire, life back into the tableau. C’était le souffle de Dieux.”

Then all hell broke loose.

Unfortunately, I must here report another embarrassing detail, brought about no doubt by the general havoc. People react imprévisible en état de choque. Behind me, the swinging doors opened and Guillaume, our youngest waiter, came out of the kitchen, shoved me to the side and without looking up rushed the same route across the dining room that the murderer had just taken, pushing his way through the crowd of bystanders, calling out, “Attention!” left and right and, in obvious misjudgment of the situation, without a loud “Bon appetit!” served the apple strudel to the dead federal councilor.

Swiss Rage

Die Idee, die den Ausschlag zu «Ich hätte das Land gern flach» gab, war weniger, einen Bundesrat literarisch zu ermorden, als vielmehr darauf hinzuweisen, dass eine solche unsinnige Tat in unserem Land nichts ändern würde. In diesem Sinne ging es mir um einen gesellschaftspolitischen Aspekt, den Versuch ein stimmiges – im Sinne der diversen Stimmen, die zu Wort kommen – Panorama anhand des Porträts einer Familie der Schweiz vorzulegen. Die Ironie ist natürlich, dass sich hier einer von seiner Mittelmässigkeit befreit, indem er seine Waffe auf eines der Schweizer Symbole der Mittelmässigkeit richtet. Ich bin sehr neugierig, wie mein Stoff, den ich hier in den besten Händen weiss, nach mehr als zehn Jahren nachwirkt. Mag sich auch die Welt sehr verändert haben, die Schweiz hat sich ihren Scheinfrieden, aus dem jederzeit unmittelbare Gewalt ausbrechen kann, bewahrt.

Am 8. Oktober 2007 dann, ungewohnt, die Schweiz auf der Titelseite der New York Times. Das Bild: eine vermummte Gestalt, Tränengas, Polizisten und dem Berner Zytglogge-Turm entgegen rennend. Die Schlagzeile: «Immigration, Black Sheep and Swiss Rage.» Das Thema des Artikels: wie die «extreme Rechtsaussen-Partei» SVP eine harte Linie gegen die «schwarzen Schafe» (Ausländer, nicht nur schwarze) einschlägt und den Ton der Abstimmung bestimmt und vergiftet. Der Vergleich zum Nationalsozialismus, egal, wie hilfreich das ist, ist bei Artikeln über unsere «Volkspartei» stets in der Nähe, so auch kürzlich in einem Spiegel-online Artikel. Eine englische Zeitung hat sich gefragt, ob sich die Schweiz zu Europas «Herz der Finsternis» entwickelt habe.

Gewalt bricht also wirklich aus in der Schweiz, verbale erst, darauf, wie stets, physische. Die SVP (und jene, die ihren Mustern folgen) werden es zu verantworten haben, wenn «gewisse Elemente» (und es werden nicht die «Linken und Netten» sein) ihr hetzerisches Abstimmungsplakat wörtlich nehmen: «saubere» weisse Schafe treten dreckige schwarze Schafe in den Arsch – man muss es so deutlich sagen, denn so deutlich ist es gemeint, trotz der «netten» Schäfchen-Karikatur.

Die Schweiz hat ein Ventil gefunden, wenn auch ein völlig anderes, als ich es mir in meinem Roman ausgedacht habe. Fast scheint mir, ist es genau umgekehrt herausgekommen. Nicht der verwirrte (fiktive) Bürger Wilhelm Gess schiesst auf einen Bundesrat, sondern ein verwirrter (allzu realer) Bundesrat, der sich für Tell hält, schiesst auf sein Volk.

Christoph Keller, New York, am 10. Oktober 2007

Swiss Rage

The idea behind I’d Prefer the Land Flat was not so much to kill off a Federal Councillor in literature, but to suggest that such a senseless act would change nothing in our country. What interested me was a socio-political dimension: to present a coherent panorama—coherent in the sense of its many voices—through the portrait of a Swiss family.

The irony, of course, is that someone breaks free from his mediocrity by pointing a gun at one of Switzerland’s symbols of mediocrity.

I’m curious how this book resonates now, more than ten years after its release. The world may have changed, but Switzerland has maintained its deceptive peace—a peace from which violence can erupt at any time.

On October 8, 2007, the New York Times ran an unusual front-page story about Switzerland. The photo showed a masked protester, tear gas, police, all rushing toward Bern’s Zytglogge tower. The headline:

“Immigration, Black Sheep and Swiss Rage.”

The article covered how the far-right SVP party had inflamed public discourse with racist campaign posters, portraying white sheep kicking black sheep (i.e., foreigners) out of the country. Several newspapers compared the campaign’s rhetoric to National Socialism. One English paper asked whether Switzerland was becoming “Europe’s heart of darkness.”

Violence truly does erupt here—first verbal, then, as always, physical. If things escalate, it will be the SVP and their followers who must bear the responsibility, especially if their hateful imagery is taken literally.

In the end, Switzerland has found a release valve—though not the one I imagined in my novel. In fact, it’s nearly the opposite: not a confused (fictional) citizen like Wilhelm Gess shooting at a government official, but a confused (very real) government official who, believing himself to be Wilhelm Tell, shoots at his people.

— Christoph Keller, New York, October 10, 2007

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