Die blauen Wunder. Faxroman

Keller+Kuhn

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Europas erster Faxroman

 

Bronzemedaille „Schönste Bücher aus aller Welt“

 

Keller+Kuhn haben – es wurde auch Zeit – einen europatauglichen Faxroman geschrieben. Viel- und hintersinnig und voller blauer Wunder.

 

 

Ein Fax aus Genf landet versehentlich in Wien. Eine spannende und komische Schelmengeschichte nimmt ihren Lauf. Davon erzählt der erste europäische Faxroman.

 

Einerseits: in Bob Pöschls PR-Alltag in Wien platzt per Fax eine obskure codierte Botschaft, die den Freizeitesoteriker Bob sofort neugierig macht. Lange schon hatte er auf ein solches Zeichen gewartet, um sich auf den Weg zu machen – wohin, ist nicht so entscheidend. Das Fehlfax gibt ihm die letzte Gelegenheit, den detektivischen Hirngespinsten seiner Jugend nachzujagen. Ohne seine Frau Elisabeth zu benachrichtigen, folgt Gralsritter Bob quer durch Europa den Spuren des Glücks, welche sich allerdings als Unheil herausstellt: Wenig später erreicht Elisabeth die traurige Nachricht vom gewaltsamen Ableben ihres Gatten am Genfer See. Was ist da geschehen?

 

Andererseits: ein Schweizer Unternehmer und Parlamentarier will den Verkehrsminister rechtzeitig vor den nächsten Wahlen stolpern lassen. Sein Partner Willi Wick setzt die Sieneser Professorin Dr.Valeria DiMatteo auf den Minister an. Ziel: Verführung und fotografische Dokumentation derselben. Als der Parlamentarier die Aktion abblasen will, nimmt das Verhältnis seinen Lauf. Das Stop-Fax geht in die Irre und landet in Wien, bei Bob Pöschl – siehe einerseits.

 

Die Wiener Geschichte und die Schweizer Politintrige greifen auf verhängnisvolle Weise ineinander, allerlei Verwicklungen sind die Folge. Daran beteiligt sind zum Beispiel wiederauferstehende Tote, eine italienisch-österreichische Frauenfreundschaft, ein sich läuternder Berner Business-Yuppie und ein PR-Texter, der zum Faxpoeten wird. Und zwischendurch meldet sich auch das jenseits.

 

 

Gemeinsam sind Sie Keller+Kuhn, schreiben als Autorenduo Krimis und Romane, alle ein wenig absurd, ein bisschen bizarr und sehr fantasievoll.

St. Galler Tagblatt

 

Orth an der Donau, am 28. Oktober

 

Liebe Rosi

Das Gewölk über den Donauauen verspricht kein gutes Wetter für morgen. Eben habe ich den abendlichen Rundgang hinter mich gebracht. Wenn Bob nicht zuhause ist, lasse ich in verschiedenen Räumen Licht brennen. Die Spots in seinem Arbeitszimmer, im Salon die Stehlampe, ebenso das Licht in der Bibliothek. Die Außenbeleuchtung habe ich von der Minuterie auf Dauerlicht umgeschaltet. Alle Türen und Fenster sind geschlossen. Ich mache diesen Rundgang nur, wenn ich allein zu Hause bin.

Zur Zeit wird das ganze Marchfeld von einer Einbrecherbande in Atem gehalten. in Petronell sei fast ein ganzes Viertel geplündert worden. Und zwei Tage vorher in Engelhartstetten. Mit System, stand in der Zeitung. In einem Fall sei sogar ein Pekinesenpärchen mitgenommen worden. Der Typ mit dem Licht ist von Bob, und ich finde ihn gut.

Als Zugabe läuft im unteren Stock Musik. Eine CD von Billie Holiday. Ihre raue, beschwipste Stimme macht mir Mut. Aber ich brauche eigentlich keinen. Schließlich haben wir Vrabec, unseren zuverlässigen Gendarmerie-Chef. Der wird jetzt auf dem Posten sein. Nicht, dass ich Angst hätte. Ach, Rosi, wir zwei sind eben keine PR-Leute, wir haben Fantasie. Du und ich. Aber das habe ich meinem Bobby nicht gesagt.

Er verabschiedete sich gestern gegen siebzehn Uhr. Neuerdings lässt die Publicom die Teilnehmer ihrer zweitägigen PR-Seminare schon am Vorabend in Wien-Schwechat einrücken. Das sei wegen der Gruppendynamik wichtig. Aber deswegen schreibe ich dir nicht. Wenn ich dir schreibe, denke ich präziser, und jetzt beschäftigt mich etwas, das präzises Denken verlangt.

Kommt also heute Mittag Bad nach Hause, schmeißt ein Papier auf den Tisch und baut sich vor mir auf.

Jetzt nimmt mich nur wunder, was du davon hältst, Elisabeth, sagt er und starrt mich theatralisch an.

Ich nehme das Papier und schnippe es mit den Fingernägeln im Kreis herum, bis es richtig vor mir liegt: Es ist seifiges Faxpapier. Der obere Teil ist verzerrt, als ob jemand das Original im letzten Augenblick herausziehen wollte. Vom Absender ist nur ein Wort lesbar: Yves. Und dazu folgende Botschaft:

*****

1028   VILstop

1109   E.C.N.

0048   B.B

*****

Ein Fax, sage ich sinnigerweise.

Ein Fax, sagt auch Bob und schweigt.

Ein Fax, das dich überrascht hat, nehme ich an?

Bob schweigt weiter.

Du weißt nicht, wer es gesendet hat, gehe ich also die Aufgabe an, und du jetzt kommst du damit zu mir …

Schließlich bist du die Übersetzerin, nicht ich, sagt Bob. Eigentlich müsste man die Leute benachrichtigen, dass ihre Botschaft nicht angekommen ist. Wer kann wissen, wem jetzt was entgeht … Wie viele Millionen – Dollars / Mark / Schweizer Franken – dranhängen.

Und wie viele Geheimdienste drin!, ergänze ich. Wen willst du denn ohne Adresse benachrichtigen?

VIL … stop, murmelt Bob verträumt.

Übrigens hast du unsere Schillinge vergessen, wecke ich ihn.

Na ja, das zahlt sich nicht aus, meint er und will das Fax wieder einstecken. Bitte schön, wenn dich das nicht interessiert … Beppo und ich werde der Sache schon auf die Spur kommen.

 

 

 

Neue Zürcher Zeitung

«Beim Schreiben zu zweit geht es um den Dritten:

Über das vierhändige Schreiben»

Von Keller+Kuhn

 

Gemeinsam schreiben, das ist für viele Autoren eine schreckliche Vorstellung. Für die Schriftsteller Christoph Keller und Heinrich Kuhn, die sowohl je für sich wie auch gemeinsam publizieren, gehört die Arbeit im Duo zum Alltag. In einem Selbstinterview geben sie Auskunft über ihre Erfahrungen in Kollektivem schreiben.

 

Wir, Christoph Keller und Heinrich Kuhn, schreiben sowohl einzeln als auch zusammen. Schreiben wir solo, benutzen wir unsere vollständigen Namen, tun wir es zusammen, sind wir ein Autorenduo, dass sich Keller+Kuhn nennt. Die Vornamen fallen weg, das Pluszeichen kommt dazu. Das ist programmatisch. Es geht nicht darum, uns hinter einem Pseudonym zu verstecken – in diesem Fall wäre es ein leicht zu knackendes Halbpseudonym –, sondern zu signalisieren, dass es sich hier um einen anderen Autor handelt. Einen. Keller+Kuhn sind nicht einfach die Addition von Christoph Keller und Heinrich Kuhn, vielmehr handelt es sich um einen dritten Autor, der aktiv wird, wenn wir zusammenarbeiten.

 

Geht denn das?

 

Nichts fragt man uns häufiger. Die Antwort fällt leicht: ja.

Interessant ist der demonstrative Unglaube, der in der Frage mitschwingt und die Seriosität der vierhändig schreibenden Zunft unverhohlen bezweifelt. Formulieren wir also die Frage um:

 

Darf man das?

 

Denn das ist es, was sich hinter der Geht-denn-das-Frage verbirgt.

Natürlich geht es. Die Brüder Goncourt haben es getan. Die Strugatzki-Brüder. Karl Marx schrieb mit Friedrichs Engels. André Breton und Philippe Soupault schrieben zusammen Gedichte. Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares schrieben vierhändig. Fruttero & Lucentini taten es einmal sogar zu dritt mit Charles Dickens, obwohl der schon mehr als hundert Jahre tot war. Carol Dunlop und Julio Cortazar schrieben zusammen. Boileau-Narcejac, mit Bindestrich, als wäre es ein Doppelname, legten in über vierzig Jahren viele Bücher vor. May Sjöwall und Per Wahlöö waren verheiratet und schrieben miteinander erfolgreiche Krimis. Die Liste könnte mühelos fortgesetzt werden.

Die Darf-man-das-denn-Frage zielt nach der literarischen Legitimation des vierhändigen Schreibens. Es ist suspekt. Urteilt man danach, wie „vierhändige Literatur“ rezipiert wird, in literaturgeschichtlichen Werken oder in den Feuilletons, darf man es eher nicht. Wenn sie überhaupt erwähnt wird. Dabei darf man in der Kunst doch alles, solange es Kunst ist, egal, wie sie entsteht.

Gemeinsam Geschriebenes schafft zwar hin und wieder den Sprung auf Bestsellerlisten (was ebenfalls suspekt ist). Dennoch ist es anscheinend nicht echte Literatur. Bei literaturgeschichtlich gehärteten Hochliteraten wie Borges und Casares lässt man entweder den Coautor – in diesem Fall den weniger hohen Literaten Casares – vom Buchdeckel verschwinden, oder, stellt man sich literarisch korrekter an, die gemeinsam geschriebenen Werke schrumpfen – bei Borges/Casares immerhin fünf – automatisch zu Nebenwerken.

Wogegen gemeinsam schreiben in der Filmwelt – von Jacques Prévert und Marcel Carné bis zu den Brüdern Coen – fast schon eine Voraussetzung ist. Interessant ist, wie heute die auch literarisch ernstzunehmenden Brüder Coen gerade von Literaten gern über den grünen Klee gelobt werden, meist zurecht. Deren Drehbücher sind so literarisch festgelegt, dass die Schauspieler wehklagen, keinen Raum zur Improvisation mehr zu haben. Auch schreiben ihre Filme literarische Texte fort – die Odyssee in „O Brother, Where Art Thou?“, Comrmac McCarthy in ihrem jüngste Film „No Country for Old Men“, nahe am Ideal und einer Literaturverfilmung.

Könnte es sein, dass es einfach das glamouröse Endprodukt Film ist, das dem gemeinsamen Schreiben zu einer anderen Akzeptanz verhilft?

Genug der Bspiele! Ob sie den literarischen Charakter von Koproduktionen belegen oder nicht: Die Gegenbehauptung ist auch nur ein Vorurteil. Noch einmal: Ist es nicht im Grunde gleichgültig, wie ein Buch zustande gekommen ist, Hauptsache es ist gut?

 

Wie schreibt man den eigentlich zu zweit?

 

Ein handwerklicher Ansatzpunkt. Doch die Beantwortung der vermeintlich einfachen Frage erweist sich als schwierig, weil jedes Buch anders entsteht. Je nach Inhalt und daraus resultierenden Überlegungen drängt sich eine andere Arbeitsform, eine andere Arbeitsmethodik auf.

Bei „Unterm Strich“, unserem Erstling, schrieben wir buchstäblich jeden Satz gemeinsam am selben Tisch. Das ist nicht zu empfehlen war, es dauert mehr als doppelt so lange, und wir mögen dieses mühselige Verfahren wohl nur in der Erstlingseeuphorie durchgestanden haben. „Die blauen Wunder“ ist, wie der Untertitel anzeigt, ein Faxroman, möglicher Weise sogar der erste weltweit, was damals allerdings keiner gemerkt hat. So aber ist er entstanden: Beim endlosen Hin-und-her-Faxen eliminierte Kuhn Keller und Keller radierte Kuhn aus, solange, bis der Text naht- und bruchlos den dritten Autor gehörte: Keller+Kuhn. „Maag und Minetti“, unser locker und laufend sich entwickelndes Work in Progress, kleine Stadtstreuner-Geschichten, könnte man zumindest arbeitstechnisch, als die E-Mail-Variante bezeichnen. Mit einem großen Unterschied: Die Grundidee des einzelnen Textes – nicht des Konzepts, das allen Texten zugrunde – liegt, stammt hier eindeutig vom einen oder anderen K. Welche von welchem bleibt selbstredend Betriebsgeheimnis, so gut gehütet wie das Originalrezept von Coca Cola.

Spannender aber ist die Klärung der Frage:

 

Wie entwickelt sich eine gemeinsame Idee, zumal wenn die geografische Distanz zwischen Keller und Kuhn rund fünftausend Kilometer beträgt? Und: Wie findet man heraus, dass es sich lohnt, damit ein, zwei oder sogar drei Jahre zu verbringen?

 

Eine tragfähige Grundidee ist der Kern eines Buches und zugleich dessen Startschuss. Was ist eine Idee? Das, was im Kopf Funken sprühen lässt, das, was zündet. Der von zwei Zufallsbekanntschaften begangene Mord, die sich nach der Tat nie wieder begegnen werden, ist eine Idee. Aber auch ein Buch in Form von Faxen zu schreiben, über Personen, die sich laufend verfehlen ist eine, wenn nach eine ganz andere. Eine zündende Idee kündigt sich dadurch an, dass sie einen ungefragt, unerbittlich und unabhängig von Zeit und Umgebung verfolgt und in einen neugierigen Unruhezustand versetzt.

Hier haben vierhändig Schreibende einen eindeutigen Vorteil: Sie können diese „Störenfriede“ umgehend beim Schreibpartner testen. Kommt die Antwort schnell (und lautet sie nicht: „Hast du sie nicht mehr alle?“ oder „Mein Lieber, diesen Roman hat Graham Greene schon geschrieben“), deutet das darauf hin, dass sie gezündet hat. Jetzt kommt sie ins Labor, wird getestet. Dazu ist E-Mail, die noch relativ flüchtige und damit unverbindliche Form, bestens geeignet. Die Ideen fliegen durch den elektronischen Äther, egal, wo man sich befindet. Übersteht die Idee diese Labortest, kann es losgehen: Personen werden skizziert, Schauplätze erörtert, Handlungsabläufe entworfen. Es entsteht ein Minitreatment, aus dem ein immer längeres wächst, bis sich drängend das Bedürfnis einstellt, endlich mit Schreiben zu beginnen. Dies alles geschieht gemeinsam, gemeinsam und nochmals gemeinsam, ob wir gemeinsam in St. Gallen sind oder zwischen New York und Paris E-Mails hin und her schicken.

Keller: Weil du eine Telefonphobie hast.

Kuhn: Weil du kein Ende findest.

 

Hat die Zusammenarbeit von Anfang an geklappt?

 

Unser erster Versuch hat erstaunlicherweise funktioniert. Allerdings haben wir mit dem literarischen Kriminalroman in der Tradition von Patricia Highsmith, so dass „Unterm Strich“ auch eine Hommage an sie geworden ist, ein dankbares Genres gewählt. Es hat sich als hilfreich herausgestellt, eine nicht experimentelle Form zu wählen, um mit der Art und Weise zu experimentieren, wie diese Form gefüllt werden kann. Dadurch sind wir unbefangener an die Arbeit gegangen, zumal wir beide Krimi-Elemente lieben.

Dass sich die Literatur wieder vermehrt spannend gibt, deutet darauf hin, dass sich hier ein Wandel abzeichnet. „Man muss die Kunst dort tun, wo sie keiner vermutet“, sagte der zeitweise Krimiautor Dürrenmatt in den fünfziger Jahren. Jetzt muss man das nur noch bedingt, auch wenn einer wie John Banville seine Krimis unter Pseudonym herausgibt. Allerdings unter einem Pseudonym, das gleichzeitige herausposaunt, wer dahinter steckt. Wir wagen die Behauptung, dass das vierhändige Schreiben auch bald trendig sein wird. Und literarisch stubenrein.

 

Gibt es gescheiterte Versuche?

 

Ja, die gibt es: Die persönliche Situation veränderte sich so, dass wir uns immer länger im Ausland aufhielten. Keller in New York und Kuhn in Paris. Die Zeit, gemeinsam zu diskutieren und ein Thema zu erstreiten, wurde spürbar knapper. Zunächst sahen wir die Lösung in überschaubaren Projekten. Wir versuchten uns an einem Theaterstück, und obwohl wir Hörspiel und Theatererfahrungen einbringen konnten, erwies sich das als problematisch. Man würde denken, dialogisches Schreiben sei zu zweit einfacher, doch scheint bei uns das Gegenteil der Fall zu sein. Die Lösung, die Distanz Paris-New York zu überbrücken, waren schließlich die E-Mail-kompatiblen „Maag & Minetti»-Kürzestgeschichten. Aber: Die Erfahrungen aus diesem Prozess haben wiederum die Fortsetzung von Romanprojekten möglich gemacht. Gerade ist „Der Stand der letzten Dinge“ erschienen.

 

Ein zweiter Frühling für Keller und Co an? Letztes Buch liegt der zehn Jahre zurück.

 

Genau. Ein zweiter Frühling. Literarisch blüht alles trotz Klimawandel wie noch nie.

 

Schreiben Sie gemeinsam, um der Einsamkeit zu entgehen? Dem spitzwegschen Dachkammerpoeten-Dasein, dem alkoholisierten Bahnhofbuffetschreiber …

 

Keller: Wer schreibt, ist nicht einsam, lediglich allein. Das allein sein empfinde ich als Segen. Schreibe ich, bevölkert sich mein Alleinsein mit den Figuren, die ich erfinde und auf die Reise schicke.

Kuhn: Schreiben, auch allein, ist immer ein Privileg. Wie könnte ich da einsam sein – außer mit einer Romanfigur, die es ist.

 

Können Sie uns sagen, was genau Sie denn verbindet?

 

Genau nicht. Am ehesten dürfte zutreffen, dass uns die Geschichten verbinden.

 

Und welche sind das?

 

Jene, die wir zu unseren Geschichten gemacht haben. Unsere Bücher.

So wie uns unsere Geschichten verbinden, mögen uns unsere Lebensgeschichten trennen. Daran ändert nichts, dass wir beide in St. Gallen aufgewachsen sind. Altersmäßig trennt uns ein Vierteljahrhundert. Der eine ist eine Generation jünger als der andere. Vielleicht geht es gerade deshalb! Die Geht-das-denn-Frage hat uns damals auch beschäftigt. Die Klärung liegt ihm ausprobieren. Rational gesehen hätte dieses Problem die Zusammenarbeit ausschließen können. Aber wer will Literatur und ihre Entstehung schon rational sehen.

Keller: Obwohl mir sein Altersstarrsinn manchmal Kopfzerbrechen bereitet.

Kuhn: Junge, Junge, wann wirst du erwachsen! Eine ideale Kombination also.

 

Betreiben Sie gemeinsame Kollegenschelte?

 

K: Immer.

K: Selten.

 

Wie aber einigen sie sich? Ich kann mich mit meiner Frau nicht einmal darauf einigen, in welches Restaurant wir gehen sollen, und schaffen wir es dennoch, bin nachträglich ich schuld, wenn es den Erwartungen nicht entsprach.

 

„Verheiratete Autorenduos“ sind eine Unterkategorie des vierhändigen Schreibens, über die wir mangels Erfahrung keine Auskunft geben können. Ehefrauen hingegen sind enorm hilfreich, wenn es gilt, unvermeidliche Wellen zu glätten. Dass wir beide verheiratet sind, hat das Autorenduo schon mehrfach vor der vollständigen Zerüttung gerettet.

 

Erzählen sie!

 

Bleiben wir literarisch: Einmal ist der Streit nötig, um einen Kompromiss –

 

Der Todfeind der Literatur!

 

Sagen Sie! … zu finden. Jeder Autor, jede Autorin streitet mit sich selbst. Was glauben Sie, wie die geglückte Formulierung, das richtige Wort gefunden wird? Im Streit mit sich selbst bis das Ergebnis, der Kompromiss, das Produkt dieses Streites vorliegt. Da ist es hilfreich, einen Schreibpartner zu haben, an dem man sich wetzen kann. So gesehen, fragen wir uns, weshalb nicht alle zusammenschreiben. Manche Bücher, der eine oder andere „Klassiker“ eingeschlossen, wären dank solchen solchen Sätzen vielleicht besser geworden …

Andererseits: Haben nicht die meisten Autoren erste Gegenleser, Freundinnen, Freunde, die auf die Manuskripte reagieren? Lektoren, die manchmal so weit gehen, dass sie zu Coautoren werden: Pierre-Jules Hetzel bei Jules Verne, Maxwell Perkins bei Thomas Wolfe, Gordon Lish bei Raymond Carver. Von Carver kommen jetzt Erzählungen heraus, bei denen Lishs Einfluss zurückgenommen wird – von Tess Gallagher, Carvers Witwe. Die Witwe als Schreibpartnerin? Wer eine Sekunde darüber nachdenkt, wird einsehen wie wenig absurd dieser Gedanke ist.

 

Ist also Kuhn eine Projektion von Keller und Keller eine Projektion von Kuhn?

 

Ob Projektion das richtige Wort ist? Eher handelt es sich bei uns um eine Persönlichkeitsverdoppelung. Ja, vielleicht kann man es so formulieren. Die Persönlichkeiten verdoppeln sich, bevor sie wieder gespalten werden. Zuerst 1×1=2. Dann 2:2=3. Eine sehr un mathematische Formel Komma die in unserem Fall aber hochpräzise ist Punkt unsere Solo Bücher sind ja grundverschieden Punkt das ist anziehend. Würden wir beide ähnlich schreiben, käme nur etwas leicht anderes dabei heraus, etwas Komma das genauso gut einer allein hätte schreiben können Punkt beim Schreiben zu zweit geht es um den dritten Punkt dieser könnte die Projektion sein. Als leibhaftigen troisème homme, wie ihn Boileau-Narcejac verstanden haben, gibt es ihn ja nicht. Nicht physisch. Nur auf dem Papier. Dort, wo eine spannende Projektion hingehört.

 

Ich höre immer nur „vierhändig schreiben“ …

 

Zwanzigfingrig?

 

… klingt, sei es lediglich eine technische oder gar nur physische Frage. Das scheint mir ein problematischer Ausdruck. Sie sind nicht mit zwei Interpreten, die ein Konzert für zwei Pianos spielen, vergleichbar, da sie ihre Werke ja auch schaffen …

 

Tatsächlich ist „vierhändig schreiben“ einschränkend, denn natürlich sind auch zwei Hirne, Herzen, Gemüter mit unendlich vielen, verschiedenen Konnotationen dabei. Wenn wir zusammen schreiben, sind wir siamesische Schreiber, wir sind ein zweiköpfiges, zweiherziges, zwei gemütiges Wesen. Es sind unsere Bücher, die uns untrennbar verbinden. Es wird Ihnen Mühe machen, herauszufinden, was von wem inspiriert sein könnte. Am besten lassen Sie es bleiben. Weil das „Produkt“ von keinem von uns ist, sondern einzig und allein von Keller+Kuhn. Das ist das Ziel.

2008

Europe’s first fax novel
Bronze Medal “Most Beautiful Books in the World”

Keller+Kuhn have—about time!—written a fax novel fit for Europe. Rich in meaning, full of allusions, and full of blue wonders.

 

A fax sent from Geneva accidentally lands in Vienna. A suspenseful and comical tale of rogues begins. That’s the story of Europe’s first fax novel.

 

On one side: In the everyday PR life of Bob Pöschl in Vienna, an obscure, coded message arrives by fax, piquing the curiosity of the amateur esotericist Bob. He had long been waiting for a sign like this to finally set out—where to, doesn’t much matter. The misdirected fax gives him one last opportunity to chase the detective fantasies of his youth. Without informing his wife Elisabeth, Grail-seeker Bob follows the trail of happiness across Europe, which quickly reveals itself to be a trail of misfortune: not long after, Elisabeth receives the sad news of her husband’s violent death at Lake Geneva. What happened?

 

On the other side:A Swiss businessman and member of parliament wants to make the Minister of Transport stumble before the upcoming elections. His partner Willi Wick sets the Sienese professor Dr. Valeria DiMatteo on the minister. The goal: seduction and photographic documentation thereof. When the parliamentarian tries to call off the operation, the affair is already well underway. The abort-fax goes astray and ends up in Vienna—at Bob Pöschl’s—see above.

The Viennese tale and the Swiss political intrigue become fatally entwined, resulting in all kinds of complications. Among those involved: the resurrected dead, an Italian-Austrian female friendship, a reformed Bernese business yuppie, and a PR copywriter who becomes a fax poet. And from time to time, the afterlife chimes in as well.

 

They are Keller+Kuhn, co-writing crime and literary novels—always a little absurd, a bit bizarre, and highly imaginative.
St. Galler Tagblatt

 

Orth an der Donau, October 28

Dear Rosi,
The clouds over the Danube wetlands don’t promise good weather for tomorrow. I’ve just finished my evening rounds. When Bob isn’t home, I leave lights on in various rooms: the spots in his office, the floor lamp in the salon, the light in the library. I’ve switched the outdoor lights from timer to permanent. All doors and windows are locked. I only do this check when I’m home alone.

Lately, all of Marchfeld has been on edge because of a burglar gang. Almost an entire neighborhood in Petronell was looted. And two days before that: Engelhartstetten. Very systematic, the paper said. In one case, even a pair of Pekingese was stolen. Bob’s idea with the lights—I think it’s a good one.

For atmosphere, I’m playing music downstairs. A Billie Holiday CD. Her rough, tipsy voice gives me courage. Though really, I don’t need it. After all, we have Vrabec, our reliable local police chief. He’ll be on duty now. Not that I’m afraid.

Ah, Rosi, you and I—we’re not PR people, we have imagination. You and me. But I didn’t say that to my Bobby.

He left yesterday around five. Lately, Publicom has its seminar participants arrive the night before in Vienna-Schwechat. Group dynamics, they say. But that’s not why I’m writing you. When I write to you, I think more clearly—and right now I’m preoccupied with something that requires clear thinking.

So, Bob comes home at lunchtime today, throws a paper on the table, and squares up in front of me.

“I just wonder what you make of this, Elisabeth,” he says and stares at me theatrically.

I take the paper and spin it with my fingernail until it’s positioned right in front of me: it’s that slick fax paper. The top part is smudged, as if someone had pulled the original out at the last moment. Only one word from the sender is legible: Yves. And the following message:

*****

1028   VILstop

1109   E.C.N.

0048   B.B

*****

“A fax,” I say meaningfully.

“A fax,” Bob repeats, then falls silent.

“A fax that surprised you, I take it?”

Bob stays silent.

“You don’t know who sent it, so now you come to me…”

“You’re the translator, not me,” says Bob. “Really, we should notify the people that their message didn’t arrive. Who knows what someone’s missing now… How many millions—dollars / marks / Swiss francs—are riding on this.”

“And how many intelligence agencies are involved!” I add. “Whom exactly would you notify, with no address?”

“VIL… stop,” Bob murmurs dreamily.

“By the way, you forgot our schillings,” I prod him.

“Well, not worth it,” he says, trying to pocket the fax again. “Fine, if you’re not interested… Beppo and I will crack it ourselves.”

 

 

“Writing as a Duo Is About the Third: On Writing Four-Handed”
By Keller+Kuhn

 

Writing together—a terrifying thought for many writers. But for Christoph Keller and Heinrich Kuhn, who publish both individually and jointly, working as a duo is part of everyday life. In this self-interview, they reflect on their experience with collaborative writing.

 

We, Christoph Keller and Heinrich Kuhn, write both individually and together. When we write solo, we use our full names; when we write as a team, we become the author duo Keller+Kuhn. The first names disappear, the plus sign appears. This is deliberate. It’s not about hiding behind a pseudonym—this would be a fairly transparent semi-pseudonym anyway—but about signaling that this is a different author. OneKeller+Kuhn is not simply the sum of Christoph Keller and Heinrich Kuhn. Rather, it is a third author that comes into being through our collaboration.

 

Is that even possible?

That’s the question we’re asked most often. The answer is easy: yes.
What’s more interesting is the demonstrative disbelief behind the question, which clearly doubts the legitimacy of four-handed writing. So let’s reframe the question:

 

Are you even allowed to do that?

Because that’s the real concern hiding in “Is that possible?”
Of course it’s allowed. The Goncourt brothers did it. The Strugatsky brothers. Karl Marx wrote with Friedrich Engels. André Breton and Philippe Soupault wrote poems together. Jorge Luis Borges and Adolfo Bioy Casares collaborated. Fruttero & Lucentini even co-wrote a novel with Charles Dickens—who had been dead for over a hundred years. Carol Dunlop and Julio Cortázar wrote together. Boileau-Narcejac—hyphenated, as if they were one person—published books together for over forty years. Maj Sjöwall and Per Wahlöö were married and wrote successful crime novels as a duo. The list could go on and on.

The “Are-you-allowed” question is really asking whether four-handed writing is literarily legitimate. It’s suspect. Judging by how co-authored literature is received—by literary history or cultural sections of newspapers—you’d think it’s not allowed. If it’s mentioned at all. Yet in art, anything is permitted, as long as it’s art—regardless of how it came about.

Sometimes co-written books even make the bestseller lists (which makes them even more suspect). Still, they are rarely considered “real” literature. In the case of high-canon writers like Borges and Casares, the co-author—Casares, the “lesser” one—tends to disappear from the book cover, or at best, their jointly written works are quietly relegated to minor status—even though Borges and Casares co-wrote five books.

Meanwhile, in film, collaborative writing is almost a given—from Jacques Prévert and Marcel Carné to the Coen brothers. Interestingly, the Coen brothers, widely praised—even by literary types—are taken seriously as artists. Their scripts are so precisely written that actors complain there’s no room to improvise. Their films continue literary traditions—The Odysseyin O Brother, Where Art Thou?, or Cormac McCarthy in No Country for Old Men, their latest work—a kind of ideal literary adaptation.

Could it simply be that the glamorous end product—film—lends collaborative writing a different kind of acceptance?

 

Enough examples. Whether they support or contradict the literary status of co-authored work, the reverse prejudice is still a prejudice. Again: Isn’t it ultimately irrelevant how a book comes into being, as long as it’s good?

 

So how does one actually write together?

A practical question. But the answer is tricky: every book emerges differently. Depending on the topic, a different workflow and methodology arise.

For Unterm Strich, our debut, we wrote literally every sentence together at the same table. Not recommended—it takes more than twice as long, and we probably only endured that grueling process because of debut euphoria.

Die blauen Wunder is, as the subtitle suggests, a “fax novel”—possibly the first worldwide, although no one noticed at the time. It came about through endless fax exchanges: Kuhn erased Keller, and Keller deleted Kuhn, until the final version belonged seamlessly to the third author: Keller+Kuhn.

Maag und Minetti, our current, looser work-in-progress—a series of urban vignettes—could be described, in technical terms, as the email version. With one key difference: the initial idea for each story comes clearly from one of us. Which from whom remains a trade secret—as well-guarded as the Coca-Cola recipe.

 

More exciting, though, is the question:
How does a shared idea develop, especially when Keller and Kuhn are five thousand kilometers apart? And how do we know if it’s worth spending one, two, or even three years on it?

A strong core idea is both the spark and the engine of a book.
But what’s an idea? It’s what sparks in your head. It ignites. A murder committed by two strangers who never meet again—that’s an idea.
Writing a book entirely in the form of faxes between people who keep missing each other? Another, entirely different, idea.

A “sparking” idea pursues you relentlessly—regardless of time or place—and creates a state of curious unrest.

Here, co-authors have a clear advantage: they can test these “disturbers” instantly on their writing partner. If the response comes quickly—and doesn’t read “Are you out of your mind?” or “My friend, Graham Greene already wrote that”—it’s a good sign.

Next, the idea enters the lab. E-mail is perfect for this: fleeting, informal, and global. If the idea survives the lab phase, the real work begins: outlining characters, sketching scenes, developing the plot. A mini-treatment grows into a longer one until the urge to finally start writing becomes overwhelming. All of this happens together. Together, and again together—whether in St. Gallen or via transatlantic emails.

Keller: Because you’re phone-phobic.
Kuhn: Because you never stop talking.

 

Did the collaboration work right away?

Surprisingly, yes. Our first book Unterm Strich, a literary crime novel in the tradition of Patricia Highsmith (to whom it became a homage), made it easier. We avoided experimental form and instead experimented with how we filled a traditional one. This gave us more freedom, and we both love crime tropes.

That literature is becoming more “suspenseful” again points to a broader shift. Dürrenmatt said in the 1950s: “You must make art where no one expects it.” Maybe that’s still true. John Banville, for instance, writes crime novels under a pseudonym—one that loudly reveals who’s behind it.

We dare to claim: four-handed writing may soon be in vogue. And literarily respectable.

 

Have there been failed attempts?

Yes. Our personal lives changed: Keller in New York, Kuhn in Paris. It became harder to discuss and wrestle over ideas together. We turned to smaller projects. A theater play, for example—though we both had radio and stage experience—turned out to be tricky. You’d think dialogue would be easier with two writers, but for us, the opposite was true.

Ultimately, the solution was “Maag & Minetti” email-sized microfiction.
But even that process taught us things that made new novels possible. Our latest book Der Stand der letzten Dinge has just been published.

 

So, a second springtime for Keller & Co? The last book was ten years ago.

Exactly. A second spring. Literarily speaking, everything is blooming—climate change notwithstanding.

 

Do you write together to escape loneliness? The attic-dwelling recluse, the alcoholic station café scribbler…

Keller: Writing isn’t lonely, just solitary. I consider solitude a blessing. When I write, my solitude fills with characters I invent and send off on their journeys.

Kuhn: Even alone, writing is always a privilege. How could I be lonely—except with a character who is?

 

What connects you?

Not something we can define exactly. Most likely, it’s the stories that connect us.

 

And which stories are those?

The ones we made our own. Our books.

Just as our stories connect us, our life stories may set us apart. That we both grew up in St. Gallen changes little. An entire generation separates us in age. One is twenty-five years older than the other. Maybe that’s exactly why it works!

The “is-that-even-possible” question was one we asked ourselves. Rationally, that age gap should have ruled out collaboration. But who wants to view literature or its creation rationally?

Keller: Even if his obstinate old age sometimes gives me headaches.
Kuhn: Kiddo, when are you going to grow up? The perfect combination.

 

Do you criticize fellow writers together?

Keller: Always.
Kuhn: Rarely.

 

How do you make decisions together? I can’t even agree with my wife on which restaurant to go to—let alone avoid being blamed afterwards if it was bad.

“Married writer duos” are a subset of collaborative writing we can’t comment on—we have no experience. Wives, however, are immensely helpful for smoothing inevitable waves. The fact that both of us are married has saved our authorial partnership from total collapse more than once.

 

Tell us more!

Let’s stay literary. Conflict is sometimes necessary to reach compromise—

 

The death of literature!

Say what you will… finding the right formulation, the perfect word—this always comes from a kind of struggle with oneself. The result—a compromise—is the product of that struggle. So it’s helpful to have a partner to sharpen your edge against. In that sense, we wonder why more people don’t co-write. Some books—“classics” included—might have turned out better.

On the other hand, don’t most authors have first readers—friends, editors—who give feedback? Sometimes editors become quasi co-authors: Pierre-Jules Hetzel for Jules Verne, Maxwell Perkins for Thomas Wolfe, Gordon Lish for Raymond Carver. In fact, new editions of Carver stories now reduce Lish’s influence—at the request of Tess Gallagher, Carver’s widow. The widow as writing partner? Think about it for one second—it’s far less absurd than it sounds.

 

So is Kuhn a projection of Keller—and Keller a projection of Kuhn?

“Projection” might not be the right word. It’s more like personality duplication. Yes—maybe that’s it. Our personalities double, then split again. First 1×1=2, then 2÷2=3. A very unmathematical formula, but precisely right in our case. Our solo books are completely different. That’s what draws us in. If we wrote the same way, we’d just produce something slightly different—something either of us could have written alone.

But co-writing is about the third. That third could be the projection. The living troisième homme, as Boileau-Narcejac understood him. Not physical. Only on the page. Right where a thrilling projection belongs.

 

I keep hearing “four-handed writing” …

Twenty-fingered?

… sounds like a technical or even physical process. That seems reductive. You’re not just two pianists playing a duet—you’re creating the music as well …

Exactly. “Four-handed” is limiting, because of course it’s also two minds, hearts, temperaments, and countless different connotations. When we write together, we’re conjoined writers—a two-headed, two-hearted, two-spirited being. It is our books that bind us inseparably.

You’ll have a hard time figuring out who wrote what. Best not to try. Because the “product” doesn’t belong to either of us—it belongs only to Keller+Kuhn. That is the goal.

2008

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