Das unterhaltsame Moskau-Spiel hat sich Christoph Keller, St Gallen, Autor von Prosa und einer Komödie, … ausgedacht.— Wolfgang Kasack, Die Welt
«In Moskau kann alles passieren …»
Michail Bulgakow
„Nach Moskau! Nach Moskau!“, schallt der berühmte Ruf der Drei Schwestern Tschechows durch die russische Literatur und verweist auf deren Mittelpunkt.Für sie ist Moskau Symbol des unerreichbaren Glücks, nachdem sie sich verzehren. Doch hat jeder, wie Viktor Jerofejew schreibt, „sein eigenes Moskau, die Moskaus schwärmen aus wie Lenze und Sterne“. Und jedes Moskau hat seine eigene Geschichte, von denen in diesem Band 22 wiedergegeben sind: Tschechows „Hamlet“-Moskau, Kolzows Mütterchen Moskau, Tschajanows teuflisches, Ilf und Petrus rekonstruiertes, Agejews jüdisches, Brjussows dekadentes, Tolstajas verzaubertes, Platonows zentrales, Popows verschmitztes, Jerofejews apokalyptisches und noch viele andere Moskaus. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Ruf nach Moskau. Aber vielleicht ist Moskau einfach die mysteriöse Stadt der Welt …
Moscow Tells Stories
Short Stories (German)
“In Moscow, anything can happen…”
— Mikhail Bulgakov
“To Moscow! To Moscow!”—the famous cry of Chekhov’s Three Sisters—echoes through Russian literature, pointing to its emotional and cultural center. For the sisters, Moscow is the symbol of unattainable happiness, the dream that keeps slipping away.Yet, as Viktor Erofeev once wrote, “Everyone has their own Moscow—Moscows swarm like springtimes and stars.” Each Moscow has its own story. This anthology gathers 22 such stories: Chekhov’s Hamlet-Moscow, Koltsov’s motherly Moscow, Chayanov’s demonic one, Ilf and Petrov’s reconstructed Moscow, Ageyev’s Jewish one, Bryusov’s decadent Moscow, Tolstaya’s enchanted one, Platonov’s central one, Popov’s mischievous, and Erofeev’s apocalyptic Moscow—among others.Their common denominator: the pull of Moscow. Or perhaps simply this: that Moscow is the most mysterious city in the world.
Dass jeder, wie Viktor Jerofejew schreibt, „sein eigenes Moskau“ hat und „die Moskaus ausschwärmen wie Lenze und Sterne“ hat der Schweizer Slawist Christoph Keller zum Prinzip seiner klug komponierten Anthologie „Moskau erzählt“ gemacht. Von der ausgehenden Zarenzeit bis in die jüngste Vergangenheit reicht der berücksichtigte Zeitraum. Glanzstück des Bandes ist der vom Herausgeber erstmals ins Deutsche übersetzte, geradezu verblüffend aktuelle Monolog Anton Tschechows „In Moskau“, in dem der urbane Kulturbetriebe seiner Hohlheit überführt wird.
— Neue Zürcher Zeitung
Das unterhaltsame Moskau-Spiel hat sich Christoph Keller, St Gallen, Autor von Prosa und einer Komödie, … ausgedacht.
— Wolfgang Kasack, Die Welt
Wie jeder Art seinen Geist, so haben viele Orte dieser Stadt ihre Erzähler: Tschechow und Jerofejew, Bunin und Bulgakow, Mandelstam und Ehrenburg, Ilf und Petrov, Trifonow und Popow, die Tolstaja und die Petrowskaja – 22 Punkte im Moskauer Stadtbild, 22 oft widersprüchliche Aspekte gesehen von Autoren des 20. Jahrhunderts.
— Rheinischer Merkur
Christoph Keller, the Swiss Slavicist, has taken Erofeev’s idea—that “Moscows swarm like springtimes and stars”—and turned it into the guiding principle of his skillfully composed anthology. Spanning from the twilight of the Tsars to the near-present, Moscow Tells Stories offers a kaleidoscope of literary Moscows. Its standout is a monologue by Anton Chekhov, In Moscow, translated into German for the first time by the editor. A timeless dismantling of the hollow pomp of the urban cultural elite.
— Neue Zürcher Zeitung
This playful Moscow game was devised by Christoph Keller of St. Gallen—author of fiction and drama alike.
— Die Welt
Just as every art form has its spirit, every place in this city has its storyteller: Chekhov and Erofeev, Bunin and Bulgakov, Mandelstam and Ehrenburg, Ilf and Petrov, Trifonov and Popov, Tolstaya and Petrovskaya—22 coordinates on the map of Moscow, offering 22 often contradictory views of the 20th century’s most mythic metropolis.
— Rheinischer Merkur
Seit meiner Geburt lebe ich in Moskau, doch, bei Gott, ich weiß nicht, woher Moskau stammt, wozu es da ist, weshalb und aus welchem Grund es benötigt wird. Im Rat, an den Sitzungen, bespreche ich mit den anderen den Stadthaushalt, doch weiß ich nicht, wieviel Werst misst, wie groß die Bevölkerung ist, wie viele geboren werden und sterben, wieviel wir einnehmen und ausgeben, um wieviel wir handeln und mit wem … Welche Stadt reicher ist: Moskau oder London? Falls London reicher ist, weshalb? Weiß der Kuckuck! Und taucht im Rat eine Frage auf, fahre ich hoch und fange als Erster zu schreien an: „An die Kommission damit! An die Kommission!“
Anton Tschechow, „In Moskau“, aus dem Russischen von Christoph Keller
Aus dem Nachwort:
Entsprechend einer Pflanze wuchert Moskau gemäß den chaotischen Prinzipien des lebenden Organismus ins russische Land und hinterlässt ihre Spuren nicht nur nicht dort, wo es ein Städteingenieur plant, sondern wo es ihr, der Pflanze, in den Sinn kommt. Betrachtet man Moskaus Stadtgeschichte, den Bau dieser riesigen Stadt, im Zeitraffer, so zieht die Stadt in konzentrischen Kreisen von ihrer Mittelpunkt, dem Kreml, aus in die Weite, als habe jemand einen Stein in ein ruhiges Gewässer geworfen. Die Moskauer Wellen sind zu Steinringen erstarrt, die – wie die Jahrringe der Bäume – das Alter der Stadt festhalten: die Kremlmauer, der Boulevard-, der Garten-, weit außen der Autobahnring; und selbst unter der Erde gibt es einen solchen Ring, denn die berühmteste Moskauer Metrostrecke zieht unsichtbar einen Kreis um die Kremlanlage und verbindet das Radialsystem der übrigen Strecke untereinander. Die Sternfigur wiederholt die Stadt im sichtbaren Bereich. Riesige, scheinbar nicht für Menschen gebaute Prospekte zielen vom Stadtkern ins Land und erfüllen, in umgekehrter Richtung begangen, den Spruch, der für das erste wie auch für das letzte Rom gilt: alle Wege führen nach Moskau.
Christoph Keller, „Moskauer Mosaik“
Anton Chekhov, “In Moscow”
I’ve lived in Moscow since I was born, but by God, I have no idea where it came from, what it’s for, or why we need it. At council meetings, I sit and discuss the city budget with the others, but I don’t know how many versts it measures, how many people live here, how many are born and die, what we spend and earn, how much we trade and with whom…
Which city is wealthier—Moscow or London? If it’s London, then why? Who the hell knows!
And whenever a question arises in council, I’m always the first to leap up and shout:
“Send it to committee! To committee!”
From the Afterword: Christoph Keller, “Moscow Mosaic”
Like a living plant, Moscow spreads according to the chaotic principles of organic growth—ignoring city planners and leaving traces where it pleases.Viewed in fast forward, the city grows outward in concentric circles from its center, the Kremlin, as if someone had tossed a stone into still water. These Moscow ripples have hardened into rings of stone—like the growth rings of a tree:the Kremlin wall, the Boulevard Ring, the Garden Ring, the outer Ring Road. Even underground, the pattern repeats: the famous Metro circle line forms an invisible ring around the Kremlin, connecting the radiating lines of the other tracks.The city’s star-shaped plan repeats itself aboveground too. Gigantic avenues—seemingly built for no human scale—fan outward from the center and, when walked in reverse, fulfill the old truth said of the first and final Rome: All roads lead to Moscow.