A few familiar things

Einige vertraute Dinge

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„Amerikanische Leben sind
teurer als andere. Ihre
Mutter war doch
Amerikanerin,
Mr. Frank?”

 

Der Schriftsteller Christoph Keller und der Maler Oliver Krähenbühl haben sich in New York – wegen New York – kennen gelernt und haben beide unabhängig und in Unkenntnis voneinander an einem New-York-Projekt gearbeitet: der Maler an der Serie Zeichnungen “American Suite”, der Schriftsteller an seiner ersten längeren Erzählung auf Englisch “A Few Familiar Things”.

 

Als klar wurde, dass die beiden Projekte mehr als nur New York gemeinsam hatten, fügte der Maler, nun angeregt von der Erzählung, die “deutsche Version” seiner Zeichnungen, die “Schweizer Blätter” hinzu, während der Autor, inspiriert von den Zeichnungen, die deutsche Version “Einige vertraute Dinge” schrieb. Entstanden ist ein an der absurd-existentialistischen Atmosphäre New Yorks und der neuen Wirklichkeit des “Neuen Amerika” geschultes Buch.

 

 

Artikel von Beat Mazenauer, Viceversaliteratur.ch, 17.10.2003

 

Der in St. Gallen und New York lebende Christoph Keller strotzt vor Tatkraft. Im September 2003 ist in Bregenz sein Stück „Ballerina“ zur Uraufführung gelangt; wenig später sind zwei neue Bücher von ihm erschienen, die den hohen Rang von Kellers Literatur bezeugen. Das Jahr 2003 scheint ein gutes Keller-Jahr zu sein.

 

Der beste Tänzer. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2003
A Few Familiar Things / Einige vertraute Dinge. Mit 12 Zeichnungen von Oliver Krähenbühl. Remise Verlag, Winterthur 2003.

 

Nachrichten aus der Muskel-Diaspora

Nicht die Sicherheit ist entscheidend, sondern das Gefühl von Sicherheit. Nicht das Gleichgewicht macht den Tänzer, sondern die Vorstellung von Gleichgewicht. Vor fünf Jahren, präzis am 17. November 1998, hat Christoph Keller diese Vorstellung verloren. Seither balanciert er als Seiltänzer, ein Krückstock dient ihm als Balancierstange, durch den öffentlichen Raum.

An besagtem Tag, rekonstruiert er, habe er zum ersten Mal zu diesem Stock gegriffen und ihn seither nicht mehr losgelassen. Jener Tag markiert freilich nur eine Etappe auf einem Weg, der zwei Jahrzehnte früher begann. 1978 wurden Keller zwei Diagnosen gestellt: betreffend „meine SMA und meinen Vater“.
SMA: Spinale Muskelatrophie bezeichnet eine erbliche neuromuskuläre Krankheit, auch bekannt unter dem Namen MS. In Schüben geht nach und nach die Kontrolle über die eigenen Muskeln verloren.

 

Der Bruch in der Familie

1978 ging auch der zu seinen besten Zeiten florierende Gewerbebetrieb seines Vaters in Konkurs. Dieser Einschnitt markierte den Anfang einer Verstörung. Konkursbeamte „raubten“ dem Vater nicht nur das Unternehmen, sondern auch die geliebte Kunst- und Antiquitätensammlung. An Vaters ohnmächtiger Wut sollte am Ende die Familie zerbrechen.
In seinem Lebens- und Muskelbuch „Der beste Tänzer“ erzählt Christoph Keller diese ihn prägende Parallelaktion. Er wird vom Vater als Krüppel verhöhnt und möchte diesen doch als Vater anerkennen. Und er ist von einer Krankheit gezeichnet, die er in der Zwischenzeit zwar akzeptiert hat, die ihn aber dennoch immer wieder demütigt und wütend stimmt.

Für dieses Buch gilt, was vergleichbare Erfahrungsberichte auszeichnet. Aus ihnen spricht eine beeindruckende Kraft und Ausdauer. „Es muss doch weitergehen. Es geht auch immer irgendwie weiter…“
Momente der Bitterkeit und der Kraftlosigkeit wechseln sich darin ab mit befreienden Glücksmomenten, wenn er an seine Frau Jan Heller Levi denkt. Und es gibt grossartige, radikale Beschreibungen der beschwerlichen, ermüdenden Prozeduren in der „Muskeldiaspora“.
Vor allem aber bietet „Der beste Tänzer“ Prosakunst vom Feinsten: grosse Literatur. Mit tänzerischer, stilistischer Souveränität behauptet sich Keller zwischen den beiden Mahlströmen seines Lebens.

Ein erzählerisches Kleinod etwas ist die Schilderung eingangs, wie der alt gewordene Vater frühmorgens nach Hause tappt, in Gedanken ganz ein Unbestechlicher wie Sheriff Will Kane aus „High Noon“, stets auf der Hut vor seinen bösen Widersachern.
Western-Filme, die er sich einst mit dem Sohn im Fernsehen anschaute, sorgen in seinem Kopf für Ordnung. Dieses rechtschaffene Misstrauen beeindruckt sogar ihn, den Sohn, der auch dessen boshafte Kehrseite kennt. Vaters Wohnquartier in St. Gallen heisst bei ihm Hadleyville.

 

Erzählvariationen

Für sich selbst setzt er jedoch andere Kinopräferenzen: Buñuels „Belle de Jour“ und „Tristana“, in denen je eine Hauptfigur im Rollstuhl endet. Damit verbindet ihn auch seine erste Ehe, der er ein eigenes Kapitel leiht: mit sich in der Rolle von K. als Gatte. Der Autor hält sich diese Erinnerung in objektivierender Distanz.
Diese Variationen in der Erzählform sind bewusstes Kalkül, getreu einem Philip Roth-Zitat: „Ich schreibe Fiktion, und sie sagen mir, es sei Autobiographie; ich schreibe Autobiographie und sie sagen mir, es sei Fiktion.“ Genau das ist es.

In einem abschliessenden Text schildert Keller die phantastische Begegnung des Autors Keller mit seinem Biographen, der für „Der beste Tänzer“ verantwortlich zeichnet. Wer wer ist, bleibt verschwommen, sicher scheint nur die Überzeugung des Ghostwriters, dass dieses Buch Kellers „bestes Buch“ werden wird.
So ist es gekommen, nicht zuletzt, weil sich Christoph Keller der schwebenden Grenzen zwischen Fiktion und Autobiographie sehr klar bewusst ist und sie virtuos umzusetzen, auch zu brechen vermag. „Der beste Tänzer“ berichtet schonungslos offen und reflektiert zugleich mit selbstironischer Distanz. „Eine Krankheit schreitet voran, sagt man, was im Zusammenhang mit der meinen nicht einer gewissen Ironie entbehrt.“

Wer dieses Buch gelesen hat, dem wird die Erzählung „Einige vertraute Dinge“ vertraut vorkommen. Christoph Keller hat sie, wie die erwähnte Begegnung mit sich, auf Englisch verfasst und selbst ins Deutsche übersetzt.
Sie bezieht sich unausgesprochen auf Seite 314 des Tänzer-Buches, wo Keller die Schwierigkeit erwähnt, in New York eine Wohnung zu finden. In der zweisprachigen Erzählung staffiert er diese Mangelsituation sie zu einer schrillen, letztlich tödlichen Phantasmagorie aus.

Das Ich wird stummer, hilfloser Zeuge eines Mordes an einer betagten Frau, die seine Mutter sei. Wie er aus seiner Lähmung erwacht, forscht er den beiden Mördern nach, gerät dabei in düstere Kneipen und schliesslich in eine schicke Kunstausstellung, wo der Mord fotografisch an den Wänden dokumentiert ist.
Keller demonstriert Keller hierin sein Talent fürs Groteske, das sich in sarkastischen, mitunter kafkaesk anmutenden Phantasien austobt. Doch immer wieder blitzen leitmotivisch die Elemente und Konstellationen hervor, die im Muskelbuch die tragende Rolle spielen.
Die filigranen Strukturen von Oliver Krähenbühls Zeichnungen stärken diese Verwandtschaft. Sie erinnern an neuronale Strukturen. Schwarze Linien auf weissem Grund, die immer wieder durchwirkt werden von weissen Linien. Diese sind vor dem schwarzen Geflecht nur andeutungsweise sichtbar: Stränge ohne Kraft, neuromuskulär verstummt.

A Few Familiar Things 

 

“My impatient sister’s in town

Wants to see Ground Zero, then

go to a famous restaurant.

Beer’s on you, Tommy, right? ”

 

The writer Christoph Keller and the painter Oliver Krähenbühl met in New York—because of New York—and each, independently and without knowing of the other, had been working on a New York project: the painter on a series of drawings, American Suite, the writer on his first longer story in English, A Few Familiar Things.

When it became clear that the two projects shared more than just New York, the painter, now inspired by the story, added a “German version” of his drawings, the Schweizer Blätter (Swiss Sheets), while the author, in turn inspired by the drawings, wrote the German version Einige vertraute Dinge. The result is a book shaped by the absurd–existential atmosphere of New York and by the new reality of “New America.”

 

Article by Beat Mazenauer, Viceversaliteratur.ch, 17.10.2003

 

Living in both St. Gallen and New York, Christoph Keller brims with energy. In September 2003, his play Ballerinapremiered in Bregenz; soon after, two new books of his appeared, confirming the high standing of his literature. The year 2003 seems to have been a good Keller year:

  • Der beste Tänzer. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2003
  • A Few Familiar Things / Einige vertraute Dinge. With 12 drawings by Oliver Krähenbühl. Remise Verlag, Winterthur 2003.

 

Messages from the “muscle diaspora”

It is not safety that counts, but the feeling of safety. Not balance makes the dancer, but the idea of balance. Five years ago, precisely on November 17, 1998, Christoph Keller lost this idea. Since then, like a tightrope walker, a cane has served him as balancing pole through public space.

That day, he reconstructs, was the first time he reached for the cane, and he has not let go of it since. Yet that day only marked a stage along a path that began two decades earlier. In 1978, Keller received two diagnoses: concerning “my SMA and my father.”

SMA: Spinal muscular atrophy is a hereditary neuromuscular disease, also known under the name MS. In stages, control over one’s muscles is gradually lost.

 

The break in the family

In 1978, at the same time, his father’s once flourishing business went bankrupt. This rupture marked the beginning of disarray. Bankruptcy officials “robbed” the father not only of his company but also of his beloved art and antiques collection. In the end, the family would break apart under the father’s impotent rage.

In his “life and muscle book” Der beste Tänzer, Keller tells of this formative parallel action. He is mocked by his father as a cripple, yet longs to acknowledge him as father. And he is marked by a disease that he has since come to accept, but which continues to humiliate him and make him angry.

What applies to comparable memoirs is true here: they speak with impressive force and endurance. “Things must go on. And somehow they always do…”

Moments of bitterness and exhaustion alternate with liberating moments of happiness, especially when he thinks of his wife, Jan Heller Levi. And there are magnificent, radical depictions of the arduous, exhausting procedures in the “muscle diaspora.”

Above all, however, Der beste Tänzer offers prose artistry at its finest: great literature. With a dancer’s stylistic mastery, Keller asserts himself between the two whirlpools of his life.

A narrative gem is the opening description of the aging father stumbling home at dawn, lost in thoughts of being an incorruptible figure like Sheriff Will Kane in High Noon, always alert to his wicked adversaries. Western films he once watched on TV with his son give order to his mind. This righteous mistrust even impresses the son, who also knows its malicious reverse side. His father’s St. Gallen neighborhood he names Hadleyville.

 

Variations of narration

Keller, for himself, chooses other cinematic preferences: Buñuel’s Belle de Jour and Tristana, in which a main character ends up in a wheelchair. This connects also to his first marriage, to which he devotes a chapter, writing of himself in the role of K. as husband. The author keeps this memory at an objectifying distance.

These variations of narrative form are deliberate calculation, true to a Philip Roth quote: “I write fiction, and they tell me it’s autobiography; I write autobiography and they tell me it’s fiction.” That is exactly what this is.

In a final text Keller depicts the fantastic encounter between the author Keller and his biographer, the one “responsible” for Der beste Tänzer. Who is who remains blurred; only the ghostwriter’s conviction seems certain, that this book will become Keller’s “best book.” And so it has, not least because Christoph Keller is acutely aware of the floating boundaries between fiction and autobiography, and is able to handle them with virtuosity—even to break them. Der beste Tänzer reports with unflinching openness and at the same time with self-ironic distance: “They say a disease progresses, which, in connection with mine, is not without a certain irony.”

 

Anyone who has read this book will find the story Einige vertraute Dinge familiar. Keller wrote it, like the mentioned self-encounter, in English and translated it into German himself.

It refers implicitly to page 314 of Der beste Tänzer, where Keller mentions the difficulty of finding an apartment in New York. In the bilingual story he transforms this shortage into a shrill, ultimately deadly phantasmagoria.

The “I” becomes a mute, helpless witness to the murder of an elderly woman who is his mother. When he awakes from his paralysis, he pursues the two murderers, ending up in gloomy bars and finally in a chic art exhibition, where the murder is documented photographically on the walls.

Here Keller demonstrates his talent for the grotesque, letting loose sarcastic, sometimes Kafkaesque fantasies. Yet again and again leitmotifs and constellations flash up that play a central role in the “muscle book.”

The filigree structures of Oliver Krähenbühl’s drawings reinforce this kinship. They recall neuronal structures: black lines on white ground, repeatedly interwoven with faint white lines. These are only vaguely visible against the black mesh: powerless strands, neuromuscularly silenced.

Schlaf: als Erstes Schlaf.
Dann wird das neue Zeitalter beginnen.

—Alejo Carpentier, Die Hetzjagd

 

Kraftvoll, als sei die Ankunft eines Dampfers anzuzeigen, zischten die Heizungsrohre und pusteten an diesem unerwartet warmen und sonnigen Novembermorgen heisse Luft in jeden Winkel der Wohnung. Privatdetektiv J. J. Packard, ein untersetzter Mittfünfziger mit den wässrigen Augen des erfolglosen Voyeurs, hockte neben einer zerknitteren, von Blut durch- tränkten Decke auf dem Sofabett. Er lächelte Thomas, der noch immer auf seiner Luftmatratze lag, aufmunternd zu. Mit seinen kurzen Beinen und dem mächtigen Rumpf war Packard ein Sitzriese, der sein Gegenüber physisch nur einzuschüchtern vermochte, solange er nicht aufstand.

„Na gut. Gehen wirs nochmal durch, Mr. Frank. Sie sind ein Kriegsberichterstatter, den der Frieden um seine Arbeit gebracht hat. Also ab nach New York, wo Ihre alte Mama lebt. Wenn das nicht lobenswert ist. Als Sie in der Nacht aus unruhigen Träumen erwachen – Ihre Worte –, finden Sie sich dem entsetzlichen Anblick des Mordes an Ihrer Mutter ausgesetzt. Die digitalen Ziffern des Weckers, der sich über dem Kopf Ihrer Mutter befindet, sind von Ihrer unter-dem-Tisch-Perspektive aus gesehen so hoch, wie mein Daumen breit.“ Der Detektiv grabschte nach dem Wecker und riss das Kabel aus der Steckdose, sodass sich die Ziffern 09:01 zu vier grün aufflackernden Nullen verwandelten. „Ein Sony DreamWatcher“, fügte er zu- frieden hinzu. „Hab auch so einen. Dass es auch weisse Modelle gibt! Meiner ist violett. Können Sie sich das vorstellen? Violett! Hab ich auf den Sonderverkauf gewartet? Und ob! Der Erlös zu meinen Gunsten war ein solider Zwanziger.“ Er gluckte und brachte damit die Heizungsrohre erneut zum Klacken; oder hatte deren Klacken sein Glucken angeregt? „Du aber willst mir weismachen, dass du nicht weisst, wann der Mord geschah.“

Es war dunkel, soviel wusste Thomas. Allerdings erinnerte er sich nicht an die daumenbreiten Digitalzahlen. Oder den DreamWatcher.

“Sleep: first of all, sleep.
Then the new age will begin.”
—Alejo Carpentier, The Chase

 

Vigorously, as if to announce the arrival of a steamboat, the pipes were hissing, blowing heat into every corner of the apartment on this unexpectedly warm and sunny November morning. Detective J.J. Packard, a stocky man in his fifties with the runny eyes of an unsuccessful voyeur, was sitting at the edge of the sofa bed next to a rumpled, blood-stained blanket. He gave Thomas, still lying on his air mattress, a cheery smile. Packard was what in German, Thomas’s native tongue, is called ein Sitzriese: someone small who appears large as long as he’s seated.

“Okay, let’s go over it again, Mr. Frank. You’re a war correspondent put out of work by peace. You come to New York to visit your old ma. Isn’t that nice of you? In the middle of the night you wake up from uneasy dreams – your words – to the atrocious sight of your mother being stabbed to death by two intruders. There’s an alarm clock with inch-high digits right over her head – from your under-the-table perspective, that is.” Grabbing the clock, the detective unintentionally pulled out the plug, so the digits 08:58 changed to four flashing zeros. “A Sony Dream­Machine, I’ve got one of these, too. Didn’t know that they also come in white. Mine’s pink. Can you believe it? And did I send in the mail-in rebates? You betcha – got a neat $20 refund credited to my low-interest Mastercard.” He clucked with satisfaction, a sound that inspired the pipes to burst into a loud clonk; or did the clonk inspire the detective’s cluck? “But you’re telling me you don’t know exactly when the murder happened.”

It had been dark. That much Thomas knew. He didn’t remember the digits. Or the DreamMachine.

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