Kaum ein Land war in den letzten Jahren so massiven Veränderungen unterworfen wie Russland. Die Perestroika öffnete das Land, veränderte die Gesellschaft und brachte im Keim bereits eine neue Generation hervor. Heute durchlebt Russland jene berüchtigten, in diesem Land immer wiederkehrenden gefährlichen „Zeiten der Wirren“. Wohin die Reise geht diese alte russische Frage kann wie üblich niemand beantworten.
In den Beiträgen des vorliegenden Buches findet eine Annäherung an die neue russische Gesellschaft über die Literatur statt, die in den letzten Jahren entstanden ist. So finden sich etwa Essays über die Autoren Mamlejew, Aleschkowski, Gorenstein, Pelewin,Bitow, Makanin, Jerofejew, Popow, Galperin, Brodsky, Jurjew oder den 1980 verstorbenen Kultautor Jewgeni Charitonow, der auch in Russland eben erst entdeckt wurde und der den Underground – und somit die jetzige Literatur – entscheidend mitgeprägt hat.
Von zentraler Bedeutung ist ein umfang- und kenntnisreicher Überblicksartikel, der sowohl den Status quo der russischen Gegenwartsliteratur analysiert als auch die Richtung aufweist, in die sich die jungen Autorinnen und Autoren bewegen.
Wandering Bears Under the Hell Sky
Essays on New Russian Literature
Few countries have undergone such massive upheavals in recent years as Russia. Perestroika opened the country, reshaped society, and gave rise to a new generation of writers. Today, Russia is experiencing those notorious and recurring “times of troubles” once again. Where the journey leads—this age-old Russian question—remains, as usual, unanswered.
The essays in this volume approach the shifting Russian society through the literature that has emerged in its wake. Included are in-depth reflections on writers such as Yuri Mamleyev, Yuz Aleshkovsky, Friedrich Gorenstein, Victor Pelevin, Andrei Bitov, Vladimir Makanin, Venedikt Yerofeyev, Andrei Popov, Galperin, Joseph Brodsky, Dmitri Yuryev, and the cult writer Yevgeny Kharitonov, who died in 1980 and has only recently been discovered in Russia—yet whose work significantly shaped the underground scene and, by extension, today’s literature.
A centerpiece of the book is a broad, insightful overview article that both analyzes the current state of contemporary Russian literature and outlines the directions in which the country’s young writers are heading.
Wenn man sich über die neusten Werke und neuesten Autoren der russischen Literatur informieren will, war man auf Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre angewiesen. Christoph Keller, einer der besten Kenner dieses Bereichs, hat solche Artikel regelmäßig auch für den „Bund“ geschrieben. Nun hat er dreizehn Arbeiten der letzten Jahre vereint: Ein Geschenk für den, der sich informieren will und – angesichts der Freude Kellers an der Sprache – auch eine Leselust. Kellers Buch … ist das erste dieser Art überhaupt.
— Wolfgang Kasack, Der Bund.
Eine willkommene Orientierungshilfe in der neuen Unübersichtlichkeit bietet ein eleganter Sammelband, in dem der Schweizer Slawist Christoph Keller eine Auswahl seiner kritischen Interventionen vorlegt.
— Neue Zürcher Zeitung
Es gibt sehr wenige so gute Kenner der literarischen Entwicklung im heutigen Russland Christoph Keller, Sankt Gallen. … Er gehört zu den wenigen, die bei der Betrachtung der russischen Literatur die der Emigration ganz selbstverständlich integrieren. … Das Buch ist eine aktuelle Ergänzung der Literaturgeschichten, eine Hilfe für jeden, dem die russische Literatur wichtig ist.
— Wolfgang Kasack Osteuropa
“Anyone wanting to stay informed about the latest works and emerging authors in Russian literature had to rely on newspaper and magazine articles. Christoph Keller, one of the most knowledgeable experts in the field, has long contributed such pieces—especially to the Bund. Now, he has gathered thirteen of these essays in one volume: a gift for anyone seeking insight, and—thanks to Keller’s love of language—a pleasure to read. Keller’s book is the first of its kind.”
— Wolfgang Kasack, Der Bund
“An elegant collection offering welcome orientation amidst the new disorientation: Swiss Slavist Christoph Keller presents a selection of his critical interventions.”
— Neue Zürcher Zeitung
“There are very few experts on the literary developments in today’s Russia as well-versed as Christoph Keller of St. Gallen. He is also one of the few who naturally integrate émigré literature into their perspective. This book is a timely complement to existing literary histories—a vital resource for anyone who cares about Russian literature.”
— Wolfgang Kasack, Osteuropa
„In Russland ist der Dichter mehr als nur ein Dichter“, sagte der Dichter Jewtuschenkow, als es noch zutraf und dachte unter anderem an sich selbst. Der Dichter war zuständig für alles von politischer Wahrheit bis zum Karottenpreis. Jetzt sind die Schriftsteller Russlands gesellschaftlich genauso relevant wie jene Frankreichs oder der Schweiz: in der Regel gut vor ihren Klüngel, selten aber darüber hinaus. In Frankreich gibt es deshalb das alljährliche Goncourt-Preis-Ritual und in Russland seit 1992 den ausgiebig diskutierten Booker Preis.
Der Vorteil der neuen Schreibbedingungen: Wer jetzt Literatur schreibt, hat sie – und nur sie – im Sinn (viele der neuen Schriftsteller gehen denn auch eher von der Literatur, weniger von der Realität aus). Der Nachteil: Die Literatur kann ihre Schöpfer nicht mehr ernähren (wobei dies früher ohnehin nur für die Ideologie treuen galt). Also muss ich dieser mit diversen Haupt- und Nebenjobs durchschlagen, findet eine schlecht bezahlte Anstellung bei einer Zeitung, wohnt bei den Eltern, lebt auf Kosten seiner Frau (seltener umgekehrt), in einer Wohngemeinschaft oder vagabundiert durch die Weite Russlands und seiner Hauptstädte. Die Buchauflagen sind im Vergleich zu früher winzig, Zeitschriften zahlen, wenn überhaupt, schlechtes Honorar, Subventionen gibt es keine, Mäzene sind selten. Der russische Ableger des Englischen Booker-Preises, dies zeigt das Aufsehen, das er jedes Jahr erregt, ist die Ausnahme, Worte wirklich in Münzen zu verwandeln.
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Doch wird man Charitonow nicht gerecht, wenn man ihn auf den „schwulen Blick“ reduziert. Seine innovative, oft tagebuchartige Notatprosa erinnert an Wassili Rosanows ebenfalls kaum einzuordnenden „Abgefallenen Blätter“ und beeinflusste die spätere Generation von Victor Jerofejew über Wladimir Sorokin bis zu Igor Jarkewitsch.
Sein „schwacher Held“ wurzelt tief in der russischen Literatur. In ihm verbergen sich Gogols „kleiner Beamter“ und Dostojewskis „Kellerlochmann“ wie auch dessen „Erniedrigte und Beleidigte“. Charitonow lebte eine solche Randexistenz. Durch seine in Leben und Literatur offengelegte Schwäche aber erhob er sich über die „erstickte, verfaulte Generation, die seit zwei Dekaden ihre eigene Seele mit Füßen getreten hat“.
“In Russia, the poet is more than just a poet,” said the poet Yevgeny Yevtushenko, back when it was still true—and was, of course, thinking of himself. The poet used to be responsible for everything: political truth, carrot prices. Now, Russian writers are about as socially relevant as those in France or Switzerland: well-regarded within their circles, but rarely beyond.
In France, this yields the annual ritual of the Goncourt Prize; in Russia, since 1992, the highly contested Booker Prize.
The upside of these new writing conditions: anyone writing literature today is doing it for its own sake (and many of the new authors take literature as their starting point, rather than reality). The downside: literature can no longer feed its creators (not that it ever truly did, except for those loyal to ideology). Today’s writers scrape by with a patchwork of jobs, pick up poorly paid work at newspapers, live with their parents, rely on their spouses (less often the other way around), share flats, or drift across Russia’s vastness and its capital cities. Print runs are tiny compared to Soviet times, literary journals pay little if at all, there are no subsidies, and patrons are rare. The Russian offshoot of the English Booker Prize—judging by the noise it makes every year—is the rare exception that turns words into money.
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But Kharitonov cannot be reduced to a “gay gaze.” His innovative, often diary-like prose fragments recall Vasily Rozanov’s similarly unclassifiable Fallen Leaves and influenced later generations—from Viktor Yerofeyev and Vladimir Sorokin to Igor Yarkevich.
His “weak hero” is deeply rooted in Russian literature. Hidden in him are Gogol’s “little clerk” and Dostoevsky’s “underground man,” as well as his “humiliated and insulted.” Kharitonov lived such a marginal existence. Yet through the weakness he exposed—in life and literature—he rose above what he called “a suffocated, rotten generation that for two decades has trampled its own soul.”