Im Zustand der Fuge

In a Fugue State (English by Krishna Winston)

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Am Morgen schlief er länger; oder einfach lange, da er nicht mit früher vergleichen konnte. Um zehn frühstückte er: Kaffee, Fruchtsaft, Magen und Vitaminpillen, eine Scheibe Wassermelone, die er nicht entkernte, Flocken im fettarmen Joghurt, obwohl sein ausgezehrter Körper das Fett brauchte. Tagsüber streifte er durch die Stadt, die ihn nicht überwältigte, weil er keine andere kannte, zählte die bereits nummerierten Straße noch einmal durch und merkte sich alles, was die Häuseransammlung an Ziffern- und Buchstabenkombination zu bieten hatte. Abends sass er mit Denise auf der Terrasse ihrer Wohnung im achten Stockwerk, schaute auf die Bäume des Parks und aß ein Clubsandwich, dass ihnen der Deli um die Ecke vorbeibrachte. Er hörte zu, was sie ihm zu sagen hatte. Denise nahm sich Zeit. Doch selten später als elf schlief er bereits wieder, in einem Bett, das für ihn zu kurz war.

Seine erste Nacht hier vor zehn Tagen war traumlos gewesen. Die ersten Bausteine seiner zukünftigen Träume nahmen die Form rosafarbener Wolken an und zogen durch sein Unterbewusstsein. Dazu waberten wie in einem experimentellen Film gelbe und rote Streifen, vermengten sich mit dem Geräuschteppich, auf dem die Stadt zu schweben schien, und mit dem tags zuvor wiederholt gehörten Schrei eines Kindes in einer Sprache, die ihm im Traum fremd war, obwohl er sie im Wachzustand sprach; fehlerfrei, bestätigte ihm Denise. Da war lediglich ein leichter Akzent, dessen Herkunft sie nicht benennen konnte.

Er stand auf und schlüpfte in den Bademantel aus dunkel gemusterter Seide, den sie ihm am ersten Abend hier aus einem Schrank holte, als habe er schon immer mit ihr gewohnt. Jeden Abend ließ er ihn zu Boden fallen und jeden Morgen fand er ihn wieder sorgfältig am Haken an seiner Schlafzimmertür vor. Er lief den Korridor entlang und ließ die dichten Teppichfasern seine Fußsohlen kitzeln.

Wenn Denise die Wohnung verließ, schlief er noch. Ein Taxi brachte sie zur Arbeit, zweiunddreissig Blocks südlich. Wie er am dritten Tag nachgezählt hatte. „Ein Instinkt“, diktierte sie spätabends in ihr Tonband. Da könnten äußere Reize sein, die sein Gedächtnis anregen und ihn aufwühlen würden, warnte sie ihn. Denises Parfum schwebte noch im Korridor und wies ihm den Weg in das Schlafzimmer, ihr Bad, ihren Wäschekorb. Um zehn, als er frühstückte, rief sie ihn an; durch das Küchenfenster sah er die Stadt, deren Summe er auf seinem täglichen Streifzug errechnete.

Gegen sieben Uhr kam sie nach einem „auszehrenden Tag“ nach Hause. Sie erwartete eine bestimmte Reaktion von ihm. Er spürte, dass er etwas sagen sollte, doch was? „Poor baby“, half sie ihm aus, also sagte er es, worauf sie auf ihn zutrat, ihm durchs Haar strich und fragte: „Und wie war dein Tag, Graham?“ Denise sagte, sie sei neidisch, und allmählich begriff er, dass sie seine Situation meinte. Ja, er fühlte sich wohl, im Vergleich zu ihr, und sah keinen Anlaß, etwas an diesem Zustand zu ändern, nur um sich von Tag auszehren zu lassen.

Ihr Geruch blieb an ihm hängen. Sie verschwand wieder in der Wohnung. Er hörte, wie sie Schlüssel und Sonnenbrille auf den Abstelltisch warf. Sie spielte den Beantworter ab, ohne jemanden zurückzurufen, stellte sich unter die Dusche und erschien mit nassen Haaren und nach der, wie sie sagte, „Abend-Denise“ duftenden Haut und im einteiligen Kleid, mit ihrer Flasche Weißwein, Chardonnay oder Pouilly-Fuissé, und einer absolut vertraulichen Praxisgeschichte auf der Terrasse, wo er, jeden Abend neugieriger, doch zugleich auch gelassener, auf sie wartete. Ausser Denise kannte er niemanden in dieser Stadt oder in sonst einer. Sagte er zumindest. Wie konnte jemand niemand in dieser Stadt kennen?

It was shortly before ten. He followed the second hand on the wall clock, whose design was reminiscent of a Swiss railroad clock, until the cordless phone rang – Denise had left the receiver on the table between the coffee mug and the slice of melon.

“Hello,” he said. Not his name. Here people name never gave their name when they answered the phone.

She would be calling from the office between two sessions, or from a hall phone on Ward’s Island, while he sat at the counter with the unshakable punctuality of his unstructured day and, with the precise movements of a man of leisure, tackled the breakfast that marked the start of that day. Denise urged him to eat everything she had set out for him. She did so in writing. Next to her note she found the photocopy of a chart showing the minimum daily requirements, a list of the exact quantities of carbohydrates, fats, and proteins, with space next to each item where he was to check off what he’d consumed. What did she eat? He would crumble the sheets of paper, tossed them into a corner of the kitchen, then retrieved them, smooth them out carefully by running the side of his hand over them, and eat everything in front of him in the order in which it appeared on the chart. He didn’t want to leave anything he felt the need to be Denise’s good boy; she was his “poor baby.” Life was breathtakingly simple.

After each meal he would get on the scale in the guest room bathroom, which yielded further quantifiable data he could add to his day. One time he found a yellow Post-it note on the scale: Graham, keep up the good work! – D. Was his new memory-free routine turning him into a trained seal? Was there really nothing he could “dig out of” himself, as Denise put it? Had he been a trained seal in the past? What did “past” mean?

Once again, as he ate his breakfast, it seemed to him as though his past had been “eaten up” Denise’s expression; but he didn’t have any other at his disposal. He decided to share this notion with Denise. She was fascinated by the life he’d been leading before it happened – the event about which neither of them had a clue. “It,” of this Denise was sure, had wiped out his memory. And what was the thing called “memory”?

 

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