Unterm Strich

Keller+Kuhn

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Follonica, an einer Bar: Laurent, Antiquitätenhändler, verheiratet, eine Geliebte, wird immer betrunkener und sein Gesprächspartner, der sogar im Urlaub von Gedanken an seinen verhassten Kollegen Knill verfolgt wird, ebenso. Wie wäre es, wenn man sich gegenseitig die jeweils störenden Personen aus dem Weg räumen würde, als sauberer, motiv- und damit folgenloser operativer Eingriff in ein fremdes Leben?

So nimmt zunächst alles erfreulich seinen Lauf für Laurent. Seine Freundin Miriam, eine siebzehn Jahre jüngere Studentin, zieht in sein edel bestücktes Haus und ein neues Leben beginnt. Doch der Neuanfang ist trügerisch. Laurent sucht Motive für die motivlosen Handlungen, in die er sich immer mehr verstrickt. Und da ist auch noch ein zunehmend irritierter und auch faszinierter Kommissar, der eigentlich nichts tut und auch nichts aufklärt, denn Laurent selbst ist zwanghaft damit beschäftigt, sich Fallen zu stellen.

Ein intelligent, spannend und stilistisch konsequent konstruierter Plot, ein fesselndes Psychogramm. Keller und Kuhn leihen sich die Ausgangslage von Patricia Highsmith Klassiker Der Fremde im Zug, gehen ihren eigenen Weg und beschreiten diesen bis zum bitterbösen Ende.

On Balance A Novel

At a bar in Follonica, Laurent, an antiques dealer, married but with a young mistress, gets steadily more intoxicated. His drinking companion, haunted even on holiday by thoughts of his despised colleague Knill, keeps up. The idea emerges: what if each of them were to take care of the other’s problem person—a clean, motive-free, and therefore consequence-free intervention in someone else’s life?

At first, things go smoothly for Laurent. His much younger girlfriend Miriam moves into his tastefully furnished house, and a new life begins. But the fresh start is a deception. Laurent finds himself searching for motives behind increasingly motiveless acts. A police inspector enters the scene—baffled, intrigued, oddly passive. Laurent, meanwhile, becomes obsessed with constructing traps for himself.

A sharply constructed psychological novel, both suspenseful and stylistically tight. Keller and Kuhn borrow the setup from Patricia Highsmith’s Strangers on a Train, only to veer off on their own path—right up to a final act of bitter irony.

 

 

„Du, Partner, kümmerst dich um mein Problem, ich kümmere mich um deines. Jeder sorgt dafür, dass der andere ein Alibi hat … ich in Nürnberg dann, du in Wileck. Klara –   schnipp ich wie Insekt vom Tresen, jetzt bist du dran, schnippst Knill vom Tresen wie ein Insekt! Plansoll erfüllt, auf Nimmerwiedersehen …“

Die Tür schnappte hinter ihm ins Schloss. Laurent blieb stehen und starrte in die dunkle Halle. Ohne sich zu drehen, legte er seine Mappe auf den Stuhl neben der Garderobe. Ein Lachen lief über sein Gesicht. Ich bin ein Mäppchenmann, dachte er, für meinen Nachbarn bin ich vielleicht der Mäppchenmann. Ein interessanter Mann, der Wichtiges hin und herträgt, Verträge, Wertpapiere, auf alle Fälle Wichtiges. Jetzt befand sich die Abendzeitung darin, zusammen mit Papiertaschentüchern und Bonbons, die den Bieratem dämpften. Er machte versuchsweise einen Schritt in die Halle und stellte befriedigt fest, dass es dabei kein Geräusch entstanden war. Aus der Finsternis trat mit noch unbestimmten Konturen das Treppenhaus. Eine Autohupe ließ ihn zusammenzucken. Punkt er selbst hatte sich von Taxi schon in den in der Schmausenbuckstraße absetzen lassen, um keine störenden Geräusche in das Viertel eindringen zu lassen. Unbewusst drückte er sich eng an die Wand und hielt den Atem an. Ein Einbrecher im eigenen Haus.

Der Wand entlang tastete er sich zum Fenster, um den Vorgarten zu kontrollieren. Hinter dem Vorhang blieb er stehen und horchte. Erneut Wagengeräusche. Ein Lichtkegel schnitt die Büsche entzwei, ein Reifen schrie unter harten Gehsteigrändern, dann verstummte der Motor. Instinktiv hob Laurent die Land die Hand zum Gesicht, kniff die Augen zusammen und wandte sich ab. Hart fiel das Licht in die Halle und über einen Körper, der am Fuß statt Treppe lag.

„… tschüs, tschüüs, tschühüss … bis morgen!“

Klappernde Absätze. Der Motor wurde wieder gestartet, erneutes Quietschen, Stille.

Lauren wartete einen Augenblick und stieg mit einem vorsichtigen Schritt über den am Boden liegenden Körper. Ohne sich umzusehen, eilte er die Treppe hinauf und knipste im Schlafzimmer das Licht an. Er warf den Mantel über Klaras Bett und ging ins Badezimmer, drückte Zahnpaste aus seiner Tube, bürstete langsam die Zähne, zählte stumm die Anzahl der Striche.

Sorgfältig reinigte er die Bürste, stellte sie ins Glas, ordnete die Gegenstände auf der Glasablage. Sein Deo nach links, Klaras Deo nach rechts, Rasierpinsel und Rasierseife nach links, Parfums und Tag- und Nachtcremes nach rechts, die Beschriftung nach vorne gerichtet, sein Eau de Toilette nach links … Sein Gesicht tauchte im Spiegel auf, dunkel der Mond, das Kinn von winzigen, schwarzen Punkten gefleckt, die Augen gerötet und die Stirn bedeckt von unzähligen Schweißtröpfchen. Die Augen starrten ihn ausdruckslos an und schwiegen.

Die Taschenlampe. Nur kein Licht machen unten.

Auf den Zehenspitzen verließ er das Zimmer, hielt inne, ging nochmals zurück, streifte die Hosen ab und legte sie, säuberlich gefaltet, über den Kleiderboy. Er lockerte die Krawatte und schlüpfte in den Schlafrock.

Im Dunkeln, eine Hand am Geländer und Fuß vor Fuß setzend, tastete er sich nach unten. Der gleichmäßige, sonst feine Pendelschlag der Neuenburger Pendule besetzte durchdringend Halle und Treppenhaus. Auf dem unteren Treppenabsatz stieß Laurent mit dem Fuß gegen eine Teppichfalte. Er kauerte nieder. Der Strahl der Taschenlampe senkte sich Tritt für Tritt nach unten und blieb an Klaras rechtem Hausschuh hängen. Hell leuchtete der Pelzbesatz. Er ließ den Strahl weiterkriechen. Clara trägt doch nie Strümpfe. Dieser gestickte Slip – für wen direkt Klara gestickte Slips? In Lila zudem? Sie hasst doch Lila … faut pas mourir en printemps quand on aime le lilas … Sie schläft, , bestimmt schläft sie, ihren Kopf in rote Rosen gebettet, Claire, meine kleine Claire hat zu viel getrunken, einfach etwas zu viel getrunken, gesoffen, sich besoffen, betäubt mehr nicht –

„Klara!“

Laurent übersprang die letzten Tritte, mühsam das Gleichgewicht haltend, und kniete neben seiner Frau nieder. Instinktiv wollte er sich wieder abwenden. Süß schlug ihm der Geruch von geronnenem Blut entgegen. Dann überwand er sich, neigte sich vor, schob seine Hand unter Klaras Nacken und versuchte, ihren Kopf auf die Seite zu legen. Der Kopf muss auf der Seite liegen und ein Bein, um Halt zu verschaffen, angewinkelt über dem andern. Und die Atemwege müssen frei sein. Er zuckte zusammen, als sein Feuerzeug über den Boden schlitterte.

 

 

Keller+Kuhn ist Christoph Keller und Heinrich Kuhn.

 

Heinrich Kuhn (geb. 29. Dezember 1939 in Uznach, Schweiz)

Heinrich Kuhn ist ein Schweizer Schriftsteller mit einem feinen Gespür für Form, Rhythmus und das Abseitige. Nach dem Lehrerseminar in Rorschach unterrichtete er im Toggenburg und absolvierte eine Berufsschullehrerausbildung in Bern. Später lehrte er an der Schule für Gestaltung St. Gallen, unter anderem in Textgestaltung und Konzept, und arbeitete daneben als freier Texter.

Er veröffentlichte seit den späten 1970er-Jahren eine Reihe von Erzählbänden und Romanen, darunter Zu einer Dramatisierung der Lage besteht kein Anlass (1979), Der Traumagent (1987), Boxloo (1989), Harrys Lächeln (1992), Haus am Kanal (1999) und Sonnengeflecht (2002).

Gemeinsam mit Christoph Keller schrieb er unter dem Namen Keller + Kuhn drei Romane, die mit formaler Lust und psychologischem Scharfsinn spielen: Unterm Strich (1994), Die blauen Wunder (1997, ein Faxroman), und Der Stand der letzten Dinge (2008) sowie die Prosasammlung Alles Übrige ergibt sich von selbst (2015).).

Heinrich Kuhn lebte viele Jahre zwischen Paris und St. Gallen und ist heute wieder ganz in St. Gallen ansässig. Er wurde u. a. von der Stadt St. Gallen, dem Kanton Zürich, der Schillerstiftung und Pro Helvetia gefördert. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

“You, partner, take care of my problem, and I’ll take care of yours. Each of us makes sure the other has an alibi… I’ll be in Nuremberg, you in Wileck. Klara—I’ll flick her off the bar like a bug. Now it’s your turn—flick Knill off like a bug! Target met. Goodbye forever…”

The door snapped shut behind him. Laurent stood still and stared into the dark hallway. Without turning around, he placed his briefcase on the chair beside the coat rack. A smile crept across his face. I’m a briefcase man, he thought. To my neighbor, I might be the briefcase man. An interesting man, carrying important things—contracts, securities, definitely important things. Now it held only the evening paper, a packet of tissues, and a few mints to mask the beer breath.

He took an experimental step into the hallway and was pleased to note that it made no sound. Out of the darkness, the staircase slowly emerged in blurry contours. A car horn made him flinch. He had already asked the taxi to let him off down the block on Schmausenbuck Street so as not to disturb the quiet of the neighborhood. Unconsciously, he pressed himself against the wall and held his breath. A burglar in his own house.

He felt his way along the wall to the window to check the front garden. Behind the curtain, he stood and listened. Again: the sound of a car. A beam of light sliced the bushes in half, a tire shrieked against the edge of the curb, then the engine died. Instinctively, Laurent raised his hand to his face, squinted, and turned away. The light struck hard across the hallway—illuminating a body lying not on the stairs, but at the foot of them.

“… byee, byee, byeeee… see you tomorrow!”

Clacking heels. The engine started again, more squealing. Silence.

Laurent waited a moment, then stepped carefully over the body on the floor. Without looking down, he climbed the stairs and switched on the light in the bedroom. He tossed his coat onto Klara’s bed, went into the bathroom, squeezed toothpaste onto his brush, brushed slowly, silently counting the strokes.

He rinsed the brush thoroughly, placed it in the glass, arranged the items on the shelf: his deodorant on the left, Klara’s on the right; shaving brush and soap to the left, perfumes and day and night creams to the right, labels facing forward, his eau de toilette to the left… His face appeared in the mirror—moonlit and dark, chin dotted with black specks, eyes bloodshot, forehead beaded with countless drops of sweat. The eyes stared blankly back and said nothing.

The flashlight. Just no lights downstairs.

On tiptoe he left the room. Paused. Went back, slipped off his trousers and laid them neatly folded over the valet stand. He loosened his tie and put on his dressing gown.

In the dark, one hand on the banister, he felt his way down the stairs, step by step. The steady ticking of the Neuchâtel pendulum clock filled the hallway and stairwell with a piercing rhythm. On the last landing, Laurent’s foot caught a wrinkle in the rug. He crouched down. The beam of the flashlight crept down step by step and stopped at Klara’s right slipper. The faux-fur trim shone brightly. He let the beam wander on. Klara never wore stockings. That embroidered pair of panties—for whom did Klara wear embroidered panties? And in purple? She hated purple… faut pas mourir en printemps quand on aime le lilas…

She’s asleep, of course she’s asleep, her head nestled in red roses. Claire, my little Claire had a bit too much to drink, just a little too much, she drank, got drunk, dulled herself—nothing more—

“Klara!”

Laurent leapt the final steps, barely keeping his balance, and knelt down next to his wife. He almost turned away again. The sickly-sweet smell of congealed blood struck him. Then he forced himself forward, leaned in, slid his hand under Klara’s neck and tried to turn her head to the side. The head has to be turned, and one leg should be bent to brace the body. And the airways must be clear. He flinched as his lighter skittered across the floor.

 

 

Keller + Kuhn is the collaborative name of Christoph Keller and Heinrich Kuhn.

Heinrich Kuhn (born December 29, 1939, in Uznach, Switzerland)

Heinrich Kuhn is a Swiss writer known for his precise sense of form, rhythm, and the art of the oblique. After training at the teachers’ seminary in Rorschach, he taught in the Toggenburg region and later completed a vocational teaching degree in Bern. He went on to teach at the School of Design in St. Gallen, specializing in text design and conceptual work, while also working as a freelance copywriter.

Since the late 1970s, he has published numerous collections of stories and novels, including Zu einer Dramatisierung der Lage besteht kein Anlass (1979), Der Traumagent (1987), Boxloo (1989), Harrys Lächeln (1992), Haus am Kanal (1999), and Sonnengeflecht (2002).

Together with Christoph Keller, he published three novels under the name Keller + Kuhn, characterized by formal invention and psychological precision: Unterm Strich (1994), Die blauen Wunder (1997, a fax novel), and Der Stand der letzten Dinge (2008), as well as the prose collection Alles Übrige ergibt sich von selbst (2015).

Heinrich Kuhn lived for many years between Paris and St. Gallen and now resides permanently in St. Gallen. His literary work has been supported by the City of St. Gallen, the Canton of Zurich, the Swiss Schiller Foundation, and Pro Helvetia. He is married and has two children.

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