„…ein Lesevergnügen […], das an die amerikanischen Erzähler vom Schlage Bellows erinnert und – wie Gulp – eine Geschichte raffiniert erzählt, ohne den Leser mit den Problemen des Erzählens zu ermüden.“— Tages-Anzeiger (Gerhard Mack)
„Ein literarischer Glücksfall.“— Basler Zeitung (Sabine Küchler)
Christoph Keller ist … ein Lesevergnügen gelungen, das an amerikanische Erzähler wie Saul Bellow erinnert. Das ist rar in der Landschaft der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur .— Tagesanzeiger
Unglück stärkt, heißt es, also schwächt Glück. Der erfolgreiche Pianist Robert Vleedenstedt versucht, dem bizarren Schicksal seiner Tante zu entgehen: sie starb an einer Überdosis Glück. Roberts Medizin heißt Flucht. Und zwar nach Amerika. Das Verhältnis von Geist und Geld, Kunst und Kommerz, vor allem Schein und Sein wird zum zweiten Thema dieses Buches. Für Roberts Manager Schniedecken findet das Leben in der Wirklichkeit statt, der Pianist dagegen zieht sich in seine Vorstellung zurück.
They say misfortune strengthens a person—so by that logic, happiness must weaken. The successful pianist Robert Vleedenstedt is determined to escape the bizarre fate of his aunt, who died from an overdose of happiness. Robert’s remedy is flight—across the ocean, to America.
The tension between mind and money, art and commerce, illusion and reality becomes the deeper theme of this book. For Robert’s manager Schniedecken, life happens in the real world; the pianist, however, retreats into his imagination.
Dr Prests Diagnose lautete Gesundheit. Robert hatte eine Drüsenüberfunktion vermutet, die seinen Körper aufblies wie einen Ballon, doch auf diesen Wunsch hatte der Arzt nicht eingehen können.
„Krankhaft ist einzig deine Fresssucht, Robert“, sagte er, nachdem er ihn untersucht hatte. Dr. Prest, hager, freundlich, bebrillt, war ein Studienfreund seines verstorbenen Vaters und würde Robert immer duzen. „Gib acht, dass du deine Karriere nicht ruinierst. Die Frauen lieben keine fetten Pianisten. Fette Schauspieler – ja, fette Politiker und Manager – immer, fette Blusen Opernsänger – selbstverständlich. Sie lieben sogar fette Ärzte. Aber bei fetten Pianisten versagt ihre Liebe.“
Seit ungefähr einem Jahr nahm Robert Körpergewicht in gleichem Maße zu, wie plötzlich die Innigkeit seines Spieles gepriesen wurde. Beides war neu, beides war beunruhigend. War seine Kunst inniger geworden (was immer das bedeuten mochte), glich das nicht seine schwindende physische Attraktivität aus? Der sitzende Klavierspieler würde zwar von den Plattenhüllen verschwinden und durch die Großaufnahme seines blaurasierten Gesichts (im Profil) ersetzt werden, doch das weibliche Publikum würde weiterhin unermüdlich daran arbeiten, ihm den seiner Meinung nach wohlverdienten Platz im Olymp zu sichern.
Was nie Roberts Ziel gewesen war. Er hatte mit seinem Klavierspiel weder vor, die Frauen zu beeindrucken, noch wollte er unsterblich werden. Diese Themen waren längst abgehakt Punkt eine Frau hatte er – Mariella hieß sie und machte ihn glücklich –, und was die Unvergänglichkeit anging, so vertraute er diese Aufgabe lieber seinen Töchtern an. „Du musst in der Mitte des Raumes fliegen“, hatte ihm sein Großvater mit Ovid gesagt, „singst du im Flug hinab, so beschwert dir Wasser die Flügel, bei höherem Flug versenkt sie das Feuer.“
Nur war sein Spiel nicht weniger geworden. Langsamer, kontrollierter, reifer auf der positiven Seite, temperamentloser, behäbiger und schwerfälliger auf der negativen. Älter. Mit diesen Voraussetzungen konnte er sich ohne zu zögern an Schuberts Gesamtwerk wagen. Der vierzigjährige Boguslav Krk zum Beispiel, tschechisches Pianowunderkind der dreissiger Jahre, war unmittelbar nach der Einspielung aller Schubertsonaten gestorben, ohne Zweifel an den Folgen: ein kerngesunder, beleibter Pianist. Das hatte – wer würde es leugnen – einen direkten Zusammenhang mit seinem wachsenden Leibumfang. Bei den fetten Pianisten kannte sich Robert nicht aus. Stets hatte er sich auf die Hageren konzentriert. Dünn und klein, mickrig geradezu waren seine Rubinsteins. Und er? Dick und knapp zwei Meter lang.
Schwer fällt ich war nur gerade das Wort, das den Feuilletons in dieser Saison nicht einfallen wollte. Beim Namen Vleedenstedt kam ihnen wie auf Knopfdruck nur innig in den Sinn.Sie wollten Ihren Robert Vleedenstedt innig spielen hören, also diagnostizierten sie ihm Innigkeit und nicht Fresssucht oder Maßlosigkeit, wie es Dr. Prest und Meyer, sein Genfer Schneider, getan hatten. Zugegeben, dafür waren die Feuilletons auch nicht zuständig. Aber warum ausgerechnet Innigkeit? Robert lehnte sich jetzt mit seinem ganzen Gewicht in die Tasten und hatte damit den Höhepunkt seiner europäischen Karriere erreicht. Er war eindeutig im Aufwind, gefragt wie kein anderer. Europa hatte sich für ihn verschworen, und sein Agent Schniedecken nahm Amerika ins Visier.
„Eins nach dem anderen, Robert“, hatte der ihm gesagt, „und jetzt alles auf einmal.“
„Bei höherem Flug versenkt sie das Feuer“, antwortete Robert undurchsichtig in Schniedeckens Büro im Silberturm hoch über der Stadt.
„Was?“
„Mein Großvater hat das immer gesagt.“
„Schön, Robert, aber der sagt jetzt nichts. Der ist weit weg, in Holland.“
„Und tot.“
Dr. Prest’s diagnosis was health. Robert had suspected a glandular disorder, something that was inflating his body like a balloon—but the doctor refused to indulge the idea.
“Your only pathology is gluttony, Robert,” he said after the examination. Dr. Prest—gaunt, kind, bespectacled—had been a university friend of Robert’s late father and would always address him informally. “Watch yourself, or you’ll ruin your career. Women don’t love fat pianists. Fat actors—sure. Fat politicians, fat CEOs—of course. Fat divas—absolutely. They even love fat doctors. But fat pianists? That’s where their love fails.”
For about a year now, Robert had been gaining weight at roughly the same pace that critics began praising the newfound intimacy of his playing. Both were new. Both were unsettling. Was his art truly becoming more intimate (whatever that meant), and didn’t that compensate for his diminishing physical appeal? The seated pianist might disappear from album covers, replaced by the soft blue shadow of his freshly shaved face, in profile—but the female public would go on tirelessly working to secure for him the place he believed he deserved on Olympus.
Not that Olympus had ever been his goal. He had never played piano to impress women or to achieve immortality. Those matters had long been settled. He had a woman—her name was Mariella, and she made him happy—and as for immortality, he preferred to entrust that task to his daughters. “You must fly in the middle of the sky,” his grandfather used to say, quoting Ovid. “Fly too low, and the sea will weigh down your wings; fly too high, and fire will burn them.”
But his playing hadn’t grown smaller. Slower, more controlled, more mature on the positive side; more sluggish, restrained, and heavy-handed on the negative. Older. With these qualifications, he felt ready—unhesitatingly—to take on the complete works of Schubert. Boguslav Krk, for example, the Czech piano wunderkind of the 1930s, had died at age forty, just after completing his recordings of all the Schubert sonatas—unquestionably as a result of the ordeal: a robust, portly pianist in perfect health. There was, no one could deny, a direct correlation between his expanding girth and his musical ambitions.
Robert had no real expertise when it came to fat pianists. He had always modeled himself on the lean ones. His Rubinsteins were thin, small, downright scrawny. And he? Fat—and nearly two meters tall.
“Grave” was the only word the critics hadn’t yet used this season. When the name Vleedenstedt appeared, one reflexively followed: intimate. They wanted to hear their Robert Vleedenstedt play with intimacy, and so they diagnosed him with it—not with gluttony or excess, as Dr. Prest and Meyer, his Geneva tailor, had done. Granted, the critics weren’t responsible for that kind of thing. But why intimacy, of all words?
Robert now leaned into the keys with his full weight, and with it, had reached the summit of his European career. He was clearly on the rise, in demand like no other. Europe had conspired on his behalf, and his agent Schniedecken now turned his eyes toward America.
“One thing at a time, Robert,” he had said, “and now—everything at once.”
“Fly too high, and fire will burn them,” Robert answered cryptically in Schniedecken’s office high above the city, in the Silver Tower.
“What?”
“My grandfather always used to say that.”
“That’s nice, Robert. But he’s not saying much now. He’s far away, in Holland.”
“And dead.”
Barrierefreie Ausgabe: Braille-Fassung (Kurzschrift) (1993)
Russische Ausgabe (1995), Titel Как погода в Боулдере? Американская повесть, Übersetzer: Boris Chlebnikov